Deutschland schaut auf einen Baum

Anfang Oktober wird in Zwickau eine junge Eiche abgesägt - Kurz darauf ist der Fall in aller Munde

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Dass auf der Ziegelwiese am Zwickauer Schwanenteich ein Gedenkbaum für das erste NSU-Opfer, Enver Simsek, stand, haben viele Zwickauer wohl erst am 3.Oktober erfahren. An diesem Tag hängt der obere Teil der jungen Eiche an den Seilen ihrer Stützen, abgesägt von Unbekannten. Noch am selben Tag meldet sich Zwickaus Oberbürgermeisterin Pia Findeiß (SPD) zu Wort. Sie hatte den Baum am 8. September ohne mediales Aufsehen eingepflanzt. Nun sagt sie, dass manche leider nicht begriffen hätten, welch menschenverachtende Taten die Terroristen des NSU begangen haben.

Am darauffolgenden Tag sorgt der abgesägte Gedenkbaum bundesweit für Empörung. Das ZDF, Spiegel Online und viele weitere Medien berichten über die Tat. Sogar Regierungssprecher Steffen Seibert kommentiert den Vorfall beim Kurznachrichtendienst Twitter.

Zwickau im rechten Licht - so der Eindruck, den viele Menschen außerhalb der Stadt gewinnen können. Doch die Geschichte ist an diesem Punkt noch nicht zu Ende. In den folgenden Tagen gehen zahlreiche Spenden für ein ganzes Gedenkwäldchen ein - insgesamt 14.000 Euro. Die Stadtverwaltung gibt bekannt, dass zehn Bäume für alle NSU-Opfer an dieser Stelle gepflanzt werden sollen. Schüler, Privatpersonen, Vereine und Mitarbeiter des Theaters Plauen-Zwickau organisieren Aktionen auf der Ziegelwiese. Künstler gestalten eine neue Gedenkbank für Enver Simsek, nachdem eine zuerst neben dem geschändeten Baum aufgestellte Bank ebenfalls beschädigt worden war. Sie alle setzen ein Zeichen gegen Rechtsextremismus. Ein Zeichen, dass die Stadtgesellschaft sich auch mit diesem Kapitel der Zwickauer Geschichte auseinandersetzt.

Ende Oktober lässt die Stadt die zehn Bäume auf die Ziegelwiese pflanzen. In den darauffolgenden Tagen steht Zwickau nochmals im Rampenlicht. Einen Tag nach der Einweihung der neuen Gedenkstätte am 3. November besucht Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den Gedenkort. Acht Jahre nach dem Auffliegen der NSU-Terrorzelle verspricht sie vor Dutzenden Journalisten erneut, alles zu tun, "damit sich solche Dinge nicht wiederholen". Dann verlässt der Tross um die Bundeskanzlerin die Stadt wieder.

Lesen Sie mehr zum Thema auf der heutigen Seite 3, Zeitgeschehen.

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