Die gläserne Decke im Krankenhaus

Mit einer Frauenquote will der neue Ärztepräsident Klaus Reinhardt Frauen die Karriere in der Medizin erleichtern. Das Thema beschäftigt auch die Kliniken in Westsachsen.

Zwickau.

Mehr Frauen als Männer studieren Medizin: zwei Drittel der Studierenden. Doch diese Tendenz spiegelt sich nicht in den Führungspositionen an deutschen Krankenhäusern wider. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, hat das vor Kurzem kritisiert. Er fordert eine Frauenquote für Chefposten.

Ein Thema, das Isabelle Georgi vertraut ist. Sie ist Sprecherin der in Zwickau vertretenen Paracelsus-Kliniken. "Von allen leitenden Ärzten in den Paracelsus-Kliniken sind aktuell nur 25 Prozent weiblich", sagt sie. In den sächsischen Niederlassungen sieht es besser aus: Dort sind es 36 Prozent. Trotzdem, Georgi benennt die sogenannte "gläserne Decke" ganz offen. Das heißt, Frauen, die geeignet wären, schaffen es nicht auf Top-Führungspositionen, sondern bleiben im mittleren Management hängen. Es wird angenommen, dass dieser Effekt entsteht, weil es Vorurteile hinsichtlich der Eignung von Frauen gibt, das Unternehmensklima auf Männer abgestimmt ist und Frauen der Zugang zu informellen Netzwerken verwehrt bleibt. Daher die Metapher von der gläsernen Decke: Diese Hindernisse sind unsichtbar.


Die Paracelsus-Klinik in Zwickau will das ändern. Es gibt ein Förderprogramm, um Nachwuchs auf Chefposten vorzubereiten. "Es ist erfreulich zu sehen, dass dieses Programm mehrheitlich von Frauen absolviert wurde", sagt Sprecherin Georgi. Absolventinnen haben es auf Top-Stellen geschafft, etwa als Personalleiterin oder Referentin der Geschäftsführung. Nun stehen auch die Medizinerinnen im Fokus. "Uns ist es sehr wichtig, Frauen Karrieremöglichkeiten zu eröffnen, die sich mit ihren Lebenskonzepten vereinbaren lassen", sagt Georgi. Eine Ursache der gläsernen Decke, das männliche Unternehmensklima, lässt sich verändern. Deswegen bietet Paracelsus zum Beispiel flexible Arbeitszeiten, Kinderbetreuung im Notfall, Teilzeitlösungen auch für Führungskräfte und Mentoring-Programme für Frauen. Georgi ist überzeugt: Davon profitieren am Ende nicht nur Frauen, sondern alle - und damit die Patienten. Allerdings halten die Klinik-Verantwortlichen von einer Frauenquote nichts. "Es ist unsere Verantwortung, Frauen zu ermutigen, sich auf Führungspositionen zu bewerben, und die Möglichkeiten des digitalen Zeitalters zu nutzen, um leitende Funktionen in Einklang mit einem erfüllten Familienleben zu bringen", sagt Georgi. Und sie sagt: "Wer über Frauenquoten für Führungspositionen spricht, muss auch über Männerquoten für das Medizinstudium sprechen."

An der Pleißentalklinik Werdau ist der größte Teil der Mitarbeiter weiblich - wie meist im Gesundheitssektor. Von sieben Chefarztstellen sind zwei mit Frauen besetzt. Von den 21 Oberärzten jedoch sind 13 weiblich - also 62 Prozent. Auch die Pleißentalklinik reagiert auf das Thema, wenngleich weniger strategisch als Paracelsus. "Gesonderte Maßnahmen für Nachwuchs-Führungskräfte gibt es nicht", sagt Sprecherin Heike Neupert. Aber: "Wir bieten Teilzeitverträge oder Vier-Tage-Wochen an." Mehrere Oberärztinnen nehmen Neupert zufolge diese Regeln in Anspruch.

Kindererziehung, Pflege von Angehörigen, Haushalt - Frauen erledigen den größten Teil der familiären Arbeit. In Deutschland verbringen sie einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation zufolge jeden Tag im Schnitt vier Stunden und 29Minuten mit unbezahlter Arbeit. Damit arbeiten Frauen im Schnitt 55 Stunden pro Woche, Männer 49. Deswegen schaffen flexiblere Arbeitszeiten für Frauen tatsächlich bessere Karrierechancen, das hat auch das Heinrich-Braun-Klinikum (HBK) Zwickau erkannt. Eine familienfreundliche Dienstplangestaltung sei wichtig, sagt Sprecherin Laura Kruckenmayer. "Das HBK ist jederzeit bereit, engagierte Arbeitskräfte einzustellen und Mitarbeiter zu fördern." Die Geschlechterfrage spiele dabei keine Rolle. "Personalentscheidungen werden aus fachlichen, nicht aus geschlechtlichen Gründen getroffen." Bei Chef- und Oberärzten liegt die Frauenquote am HBK bei rund einem Viertel.

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