Die guten alten Zeiten leben weiter

Sie denken, die Zwickauer Brühlette ist längst dem modernen Fastfood zum Opfer gefallen, und echte Gänsefedern in Kissen und Decken gibt es schon lange nicht mehr? Sie glauben, niemand walzt mehr seine Wäsche oder benutzt noch geklöppelte Deckchen und Gardinen? Das Gegenteil ist der Fall.

Zwickau.

Es gibt Dinge, die Menschen in der DDR wichtig waren, die aber inzwischen in Vergessenheit geraten oder sogar gänzlich verschwunden sind. Vier Dinge aus DDR-Zeiten, von denen Sie wahrscheinlich nie geglaubt hätten, dass es sie noch gibt, haben wir aufgespürt.

Reinigung von Federbetten: Über ein kuschliges und warmes Federbett zu reden, ist für die meisten in Anbetracht des bevorstehenden Sommers kein Thema. Aber gerade jetzt sollte es ins Blickfeld rücken, so der Ratschlag von Fachfrau Brigitte Grimmer aus dem Zwickauer Stadtteil Oberrothenbach. Jetzt sei die richtige Zeit darüber nachzudenken, wie viele Jahre es her ist, dass man das geliebte Federbett einer Reinigung unterzogen hat. Denn dazu wäre in den Sommermonaten Zeit. Seit Februar 1985 gibt es in der Altenburger Straße 41 in Oberrothenbach die Bettfedernreinigung von Brigitte Grimmer. Die Anfangsjahre waren aufgrund staatlicher Kontingente nicht einfach, sagt die gelernte Kauffrau, die sich später noch zur Bettenfachfrau qualifizierte. Die Nachfrage für diese Dienstleistung war groß. Die Wende brachte für sie im wahrsten Sinne eine Wende, denn viele trennten sich von ihren Federbetten. Sie nutzten lieber Sonderangebote der zahlreichen neuen Geschäfte, die auf der grünen Wiese entstanden waren. Mittlerweile sind die Leute wieder bewusster geworden und schwören auf das gute alte Federbett, sagt die Oberrothenbacherin. "Das Federbett sollte eigentlich aller vier Jahre, ein Kopfkissen aller zwei Jahre gereinigt werden", sagt sie. Bei Brigitte Grimmer wird diese Reinigung ganz ohne Chemie realisiert. Die Federn der angelieferten Betten und Kissen werden vor der Reinigung sortiert. Egal ob Ober- oder Steppbett, Sommer- oder Winterbett: Der Kunde legt fest, wie dick das Inlett gefüllt werden soll. Wer eben viel Wärme braucht, dessen Bett wird mit einer größeren Menge Federn gefüllt. Gute 45 Minuten dauert es vom Öffnen des Inletts über die Entnahme der Federn, dem Sortieren, der Reinigung und dem Wiederbefüllen bis zum Zunähen des Inletts.


Sofern die Gesundheit mitspielt, will die 71-Jährige diese Dienstleistung gern noch ein paar Jahre anbieten. Und sie hat sogar Hoffnung, dass es eine Nachfolgerin im Geschäft geben könnte.

Die Spannerin: Frauke Hager benötigt für ihre Arbeit Stärke-Lauge, mehrere große Styroporplatten, Tausende Stecknadeln - und ganz viel Geduld und Leidenschaft. Damit bringt die Mülsenerin geklöppelte, gestickte und gehäkelte Deckchen und Gardinen wieder in die richtige Form. Diese alte Handwerkskunst aus dem Erzgebirge ist heutzutage nahezu ausgestorben, aber fast jeder hat noch das ein oder andere Kunstwerk auf dem Dachboden liegen. "Wer diese guten Stücke heute noch nutzt, möchte sie meist einmal im Jahr gewaschen und neu in Form gebracht haben" sagt Hager. Dann geben die Kunden ihre Waren in Wäschereien ab, Hager holt sie aus den Annahme- stellen ab und bringt sie in der nächsten Woche bearbeitet zurück. "Die meisten Kunden kenne ich daher nicht. Über meine Internet-Seite erhalte ich inzwischen aber auch Aufträge aus ganz Deutschland", berichtet sie. Frauke Hager weicht die Teile in Stärke-Lauge ein, spannt sie mithilfe von Stecknadeln auf eine Styroporplatte und lässt sie trocknen. Danach haben die Deckchen und Gardinen ihre ursprüngliche Form zurück. Auch kleine Beschädigungen können ausgebessert werden. Für ein Stück mit der Größe von 1,5 Quadratmetern bezahlen die Kunden dann 15 Euro. "Reich werde ich mit der Arbeit nicht, aber mir macht es Spaß. Und ich kenne sonst niemanden, der das noch macht."

Die Kaltmangel: Ramona Seifert dreht den großen Schalter auf die Stellung "EIN". Es klickt, und das raumfüllende Holzmonster setzt sich in Bewegung. Es kracht, knackt und quietscht so laut, dass man sich kaum noch vernünftig unterhalten kann. "Kinder unter 14 Jahren durften früher hier nicht mit rein. Weil sie sich einklemmen könnten!" Geregelt ist das heutzutage nicht mehr, aber Vorsicht bleibt geboten, denn die Kunden von Ramona Seifert bedienen die Kaltmangel im Mülsener Ortsteil Sankt Niclas selbst. Sie können einfach vorbeikommen, sich in eine Liste eintragen und dann solange mangeln, wie sie möchten. Bis auf ein altes, handgeschriebenes Schild "1Stunde = 1,50 Euro" deutet auch nichts darauf hin, dass die Kaltmangel noch genutzt wird. "Früher war die Mangel ununterbrochen in Betrieb. Alle Leute aus dem Dorf wollten ihre Wäsche mangeln. Heute kommen vielleicht noch zehn Kunden im Monat", sagt Seifert. Und die kämen zumeist aus den umliegenden Ortsteilen. Sie drängen die 57-Jährige immer wieder, die Mangel doch solange wie möglich in Betrieb zu halten. "Das werde ich auch tun, auch wenn ich am Ende drauf zahle. Mein Sohn repariert die Maschine wenn nötig, größere Reparaturen sind zum Glück kaum erforderlich, wenn immer alles ordentlich geschmiert ist." Da von den einst sieben Mangeln im Mülsengrund nur noch das 1928 gebaute Stück bei Familie Seifert in Betrieb ist, wird es wohl früher oder später in ein Museum wandern. "Dafür müsste aber wohl der ganze Anbau abgerissen werden, denn sonst geht das Gerät hier gar nicht raus." Zwickauer Brühlette: Die Brühlettenbude auf dem Zwickauer Neumarkt ist eine Institution in der Stadt und auch weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Bis 1988 durch die Handelsorganisation (HO) betrieben, übernahm das Ehepaar Hamperl den Verkaufsstand kurz vor der Wende und führte ihn 25Jahre lang durch teils schwierige Zeiten. Nach der Übernahme durch die Glück-Auf-Fleischerei verkauft Jaqueline Viehweg die regionale Spezialität bis heute weiter - und das mit wieder zunehmendem Erfolg: "Ich verkaufe circa 400 Stück am Tag. Und es werden immer mehr." Während der Mittagszeit bekomme sie sogar Unterstützung von Mutter Bärbel, um der Nachfrage gerecht werden zu können. Die Vorlieben der Zwickauer hätten sich in der ganzen Zeit nur wenig geändert. "Der Klassiker ist immer noch mit Senf. Aber auch Extrawünsche erfülle ich natürlich gerne", sagt Jaqueline Viehweg. Das Rezept der Brühlette ist noch dasselbe wie zu DDR-Zeiten. "Aber das ist geheim, und ich kenne es selbst nicht genau." Klingt, als bleibt die Köstlichkeit den Zwickauern noch eine Weile erhalten.

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