Die Plage des Mittelalters

Das beschädigte Denkmal Cholerakreuz (ohne Kreuz) auf dem Planitzer Friedhof wurde wieder saniert und die Mauer neu errichtet.
Arnold Böcklin: Die Pest, Tempera (1898, Kunstmuseum Basel).

Von Norbert Peschke

Die erste Folge (Ausgabe vom 8. August, Seite 10) beschäftigte sich mit den Stadtbränden und Überschwemmungen durch die Zwickauer Mulde. Eine Plage des ausgehenden Mittelalters war die Pest (lateinisch pestis 'Seuche'), eine hochgradig ansteckende Krankheit, die durch das Bakterium Yersinia pestis ausgelöst wird und von Kleinasien (heute Türkei, 1347) über Frankreich (1348) nach Mitteleuropa eingeschleppt wurde.

Die Pest kann auf verschiedene Weise übertragen werden: zum einen durch den Biss von mit Krankheitserregern befallenen Insekten (vorwiegend Flöhen, die von Ratten übertragen wurden), zum anderen durch Tröpfcheninfektion. Die gängigen Arten waren die Beulen- und die Lungenpest. Schuld am Ausbruch waren die unhygienischen Wohnverhältnisse: Dunkel, schmutzig und überbelegt - soweit das Lexikon. Oft ging die Pest auch mit anderen Krankheiten einher. Neben den Pestepidemien gab es zum Beispiel die Cholera, die Ruhr, die Blattern und den Englischen Schweiß. Der sogenannte Schwarze Tod wütete 1350 erstmals in großem Umfang in Zwickau. Über Todesopfer damals ist jedoch nichts überliefert. Von September 1439 bis 6. Januar 1440 und 1457 grassierte ebenfalls die Pest in Zwickau. Die ersten Zahlen zu Todesopfern stammten aus dem Jahre 1463, als etwa 1900 Menschen ihr Leben ließen. Geschätzt waren das etwa 33 bis 40 Prozent der Stadtbevölkerung. Bis 1683 trat die Seuche in regelmäßigen Abständen auf, da ihre genauen Ursachen unbekannt waren. Eigenartig war die Tatsache, dass die Krankheit in der Regel im Sommer auftrat und im Winter wieder abebbte. Die nächsten Epidemien gab es 1472, 1474 und 1506. Zuletzt starben täglich bis zu zehn Menschen.

Am 18. November 1521 wurden die Friedhöfe um die Kirchen aufgelöst und der zentrale Margarethenfriedhof vor dem Frauentor angelegt. Ein Anlass dazu war die seit einem Jahr anhaltende Pest in der Stadt, die erst im folgenden Jahr ihr Ende fand. Jörg Gastel druckte im Jahre 1525 eine von Dr. Sixtus Kolbenschlag verfasste Pestschrift mit praktischen Ratschlägen.

Eine Seuche raffte von September bis November 1543 etwa 200Menschen dahin, sodass der Rat eine Pestilenzordnung erließ. Die nächste Epidemie kam 1552, als von August bis Dezember 1592 Menschen durch die Pest starben. Von Mai bis Dezember 1566 forderte sie mehr als 900 Opfer, obwohl eine Pestilenzordnung erlassen, ein Pestarzt eingestellt und drei Pesthäuser außerhalb der Stadt eingerichtet worden waren. Im nächsten Jahr kamen durch die Pest nochmals etwa 700 Tote hinzu. Auch in den Jahren 1568 und 1574 wütete die Seuche in Zwickau.

Vom 8. Juni bis zum 17. Dezember 1582 forderte die Pest 1509 Todesopfer. Die Schulen wurden geschlossen und der Markt außerhalb der Stadt abgehalten. Und wieder ging es von Juli bis Dezember. Eine weitere Epidemie forderte 1598 insgesamt 554 Opfer. Vom 19. September 1607 bis 14. Januar des folgenden Jahres starben etwa 40 Menschen an dieser Krankheit. Von Juni bis Dezember 1611 wütete die Pest besonders stark und forderte in dieser Zeit von 6268 erwachsenen Einwohnern 1039 Todesopfer (im gesamten Jahr waren es 1148), darunter etwa 350 Kinder. Die Schule blieb für drei Monate geschlossen.

Vom 5. Juni bis Weihnachten 1626 forderten die Blattern und die Pest 216 Todesopfer. Von Juli bis Dezember 1630 rafften die Pest und die Blattern 128 Menschen dahin, darunter 84 Kinder. Die Kranken brachte man in eine Hütte in der Nähe der Heilig-Geist-Kirche. Im Juli und August 1633, während des Dreißigjährigen Krieges, starb etwa die Hälfte der Bevölkerung an der Pest (täglich 50 bis 60 Menschen). 1897 Todesfälle wurden registriert, aber die Dunkelziffer lag wahrscheinlich mit den ebenfalls betroffenen Soldaten wesentlich höher. Am 5. August 1633 besetzten 5000 Kaiserliche unter Heinrich Graf von Holk die Stadt. Auch wegen der Seuche - viele der Soldaten infizierten sich - verließen die Truppen schon drei Tage später die Stadt und steckten dabei das Heilig-Geist-Hospital in Brand. Holk selbst starb am 9. September 1633 in Tirschenreuth an der Pest.

Dr. Zacharias Nikolaus Götze schrieb 1679 ein Merkblatt gegen die Pest, in dem er auf den Umgang mit bewährten und jederzeit käuflichen Arzneimitteln und das Verhalten beim Ausbruch der Pest hinwies. Vom 24. Dezember 1681 bis 4. Februar 1683 grassierte die Pest letztmals in Zwickau, verbunden mit Blattern und Fleckfieber. Es gab 931 Tote. Die Kornmärkte verlegte man nach Schönfels, die Wochenmärkte vor die Stadt. Zahlreiche Nachbarstädte halfen mit Geld- und Lebensmittelspenden. Die Blattern führten dazu, dass im Spätsommer 1682 die Schule geschlossen wurde. Die ärztliche Pflege besorgten Dr. Götze und zwei Pestärzte, der Apotheker Magister Mavius und der Pestchirurg Matthias. Der Pestilenzpfarrer Magister Ullmann starb mit seiner Familie an der Seuche.

1866 kam es zwischen dem Deutschen Bund unter Führung Österreichs und Preußen und dessen Verbündeten zu einer kriegerischen Auseinandersetzung um die Führungsrolle im Deutschen Bund. Ab 14. Juli 1866 wurde von den preußischen Truppen die Cholera, die in Mitteleuropa grassierte, nach Zwickau eingeschleppt und forderte in der Stadt und Umgebung zahlreiche Todesopfer. In Zwickau kamen 552 Menschen (von 1116 Erkrankten) zu Tode. In Bockwa starben 14 von 30 Erkrankten, in Brand zehn von 17, in Marienthal 116 von 257, in Schedewitz 99 von 337 und in Pölbitz acht von zehn Erkrankten. Bis Januar 1867 ließen in der Amtshauptmannschaft Zwickau 2680 Menschen ihr Leben.

Besonders schlimm traf es ab 4. September 1866 die Einwohner von Planitz und Cainsdorf. Von den 593 Erkrankten mussten 284 zu Grabe getragen werden. In Niederplanitz starben von 100 Menschen sechs Einwohner. Die neuerbaute Mädchenschule (die Schulen blieben mehrere Monate geschlossen) diente als Lazarett. In einer ehemaligen Schmiede neben dem Heinrichschacht wurden die Toten drei Tage aufgebahrt, durch ein Fenster beobachtet (wegen des Scheintodes) und danach beerdigt. Auf dem späteren Oberplanitzer Markt verbrannte man die Kleidung der Erkrankten und Verstorbenen.

Die zweite Ehefrau des Planitzer Rittergutsbesitzers und Kammerherrn Georg Heinrich Wolf von Arnim (1800-1855), Isolda Bernhardine Emilie Clementine von Arnim (1821-1880), half beim Kampf gegen die Epidemie. Die Verabreichung von heißem Kaffee für die "Planitzer Herrenschächter" (man glaubte, der Genuss des kalten Wassers fördere die Cholera), finanziert aus der Werkskasse, bürgerte sich danach dauerhaft ein. Die Schlossherrin Isolda von Arnim stiftete als Erinnerung an diese Katastrophe das eiserne Cholerakreuz ("Alle Welt fürchtet den Herrn!"), das wegen seines außerordentlich schlechten Zustandes 1992 entfernt und restauriert werden musste. Inzwischen erinnert dieses sanierte Kreuz auf dem Planitzer Friedhof wieder an diese furchtbare Epidemie im Jahre 1866.

Neben den Verheerungen, die aus der Naturgewalten wie Feuer wegen Blitzschlags, Überschwemmungen und Epidemien herrührten, gab es noch die vom Menschen verursachten Katastrophen. Wenn in den Kriegen die Heere durch die Lande zogen und plünderten, vergewaltigten und töteten, dann waren ganze Landstriche verwüstet.

Im Zweiten Weltkrieg fielen zahlreiche Städte in Europa und Asien Bombenabwürfen zum Opfer. Namen wie Coventry, Warschau, Hamburg, Dresden, Hiroshima und Nagasaki stehen für viele andere. Auch in Zwickau wurden nahezu 600 Menschen getötet. Der Krieg traf jetzt den Aggressor, das Deutsche Reich unter Adolf Hitler.

0Kommentare Kommentar schreiben