Die Wiege des Automobilbaus

Zwickau.

Ein Meilenstein der Stadtgeschichte: Am 10. Mai 1904 gründeten sich die A. Horch & Cie. Motorwagenwerke AG in Zwickau. Kurz zuvor hatte der Namensgeber August Horch (1868-1951) die Verhandlungen zum Kauf der ehemaligen Segeltuchweberei Wächter & Zaeuner an der Crimmitschauer Straße erfolgreich abgeschlossen. Seine 1899 in Köln-Ehrenfeld gegründete Automobilwerkstatt war 1902 nach Reichenbach/Vogtland und von dort wegen Platzmangels nach Zwickau übergesiedelt.

Die im Juni 1904 aufgenommene Produktion umfasste 30 Wagen der Typen 14-17 PS, 18-22 PS und 22-25 PS. Zwei Jahre später gelang dem Zwickauer Rechtsanwalt Rudolf Stöss auf einem Horch 11/22 PS ein aufsehenerregender Sieg in der Herkomer-Fahrt. Den von dem Maler Hubert von Herkomer (1849-1914) gestifteten Wanderpreis (1905-1907 ausgerichtet) erhielt der Sieger der 1.600 Kilometer langen internationalen Tourenwagenfahrt, die von Frankfurt/M. über München, Linz, Wien, Klagenfurt, Innsbruck wieder nach München führte.

August Horch legte das Schwergewicht seines Handelns auf Neuentwicklungen seiner Autos und auf sportliche Erfolge bei Automobilrennen, während die Aktionäre mehr die hohen Produktionsziffern und steigende Dividenden schätzten. Schließlich kam es zwischen ihnen zum Bruch. Der "Kraftfahrzeugpionier" ließ sich seinen finanziellen Anteil an der Stammfirma (20.000 Mark) auszahlen und kehrte ihr den Rücken. Am 16. Juli 1909 hob er in der Lessingstraße 51 (heute Audistraße 7, Standort des August-Horch-Museums Zwickau) die August Horch Automobilwerke mbH aus der Taufe. Wegen Namenstreitigkeiten mit dem Horchwerk wandelte August Horch am 25. April 1910 den Betriebsnamen in Audi Automobilwerke mbH (Audi ist die lateinische Übersetzung der Befehlsform "Horch!") um.

Er gewann 1911 mit seinem neuentwickelten Audi Typ B (10/28 PS) die Österreichische Alpenfahrt, den bedeutendsten Automobilsportwettbewerb vor dem Ersten Weltkrieg. Auch 1912 und 1913 blieb dem Audi-Team der Erfolg treu, denn im Juni 1914 gewannen Horch, Graumüller, Lange und Obruba den Teampreis bei der Alpenfahrt - den Alpenwanderpreis - und fast alle anderen Preise. Es war der größte motorsportliche Erfolg von August Horch, der entsprechend gefeiert wurde. Das Fahrzeug vom Typ C 14/35 PS wurde mit dem Beinamen "Alpensieger" der Verkaufsschlager bis in die 1920er-Jahre.

Mit dem Personenkraftwagen vom Typ 303 begann 1926 bei der Horchwerke AG die lange und bewährte Tradition der Achtzylinder-Reihenmotoren. Seit 1927 zierte die von Professor Oskar Hermann Werner Hadank (1889-1965) entworfene Kühlerfigur, der geflügelte Pfeil, die Autos. Die Horchwerke produzierten Anfang der 1930er-Jahre die berühmten Autos mit den Zwölfzylinder-V-Motoren mit 120 PS (Modelle 600 und 670), die technisch und gestalterisch zur europäischen Spitzenklasse gehörten.

Die Entwicklung der beiden Automobilwerke war ab 1930 durch die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise gekennzeichnet. Am 29. Juni 1932 erfolgte deshalb, rückwirkend zum 1. November des Vorjahres, die Gründung der Auto Union AG durch die Werke von Horch (Zwickau, Luxuswagen), Audi (Zwickau, sportliche Mittelklasse), DKW (Zschopau, preiswerte, robuste Kleinwagen und Motorräder) und die Automobilabteilung von Wanderer (Siegmar-Schönau, solide Mittelklasse) unter einer einheitlichen Leitung. Vier Ringe bildeten das Konzernsignet der Auto Union AG. Hauptsitz des sächsischen Staatsunternehmens (75 bis 90 Prozent des Aktienkapitals befanden sich in den Händen der Sächsischen Staatsbank) wurde Zschopau, ab 1936 Chemnitz.

Am 17. März 1933 unterzeichneten die Auto Union AG und Ferdinand Porsche einen Vertrag über den Bau eines Rennwagens mit 16-Zylinder-V-Motor, 4,4 Liter Hubraum und 295 PS (Steigerung der Leistung bis auf 520 PS im Jahr 1937), der eine Geschwindigkeit von 280 Kilometern pro Stunde erreichen sollte. Als Baustätte des Rennwagens wählte man das Horchwerk. In den Jahren bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges errangen diese Rennwagen 38 Siege und 43 zweite und dritte Plätze bei Rundstrecken-, Berg- und Grand-Prix-Rennen. Als Auto Union-Rennfahrer kamen Ernst von Delius, Luigi Fagioli, Rudolf Hasse, Christian Kautz, Hermann Lang, Prinz Leiningen, Schorsch Meier, August Momberger, H. P. Müller, Tazio Nuvolari, Bernd Rosemeyer, Hans Stuck und Achille Varzi zum Einsatz. Am 28. Januar 1938 verunglückte der erfolgreiche Rennfahrer der Auto Union AG Bernd Rosemeyer tödlich, als er auf einem Teilstück der Reichsautobahn Frankfurt/Main-Darmstadt mit etwa 430 km/h den Geschwindigkeitsweltrekord brechen wollte.

Im Herbst 1940 verließen die letzten Zivilfahrzeuge die Montagebänder der Auto Union AG. Der Konzern beschäftigte für die Kriegsproduktion - Montage von Schützenpanzerwagen, Maybach-Panzermotoren, Steyer-LKW für die Wehrmacht und Torpedos - auch sogenannte Fremdarbeiter, Zwangsarbeiter und etwa 1000 KZ-Häftlinge aus dem Konzentrationslager Flossenbürg. Deren Lager befand sich südlich des Horchwerkes.

Vom 22. August 1945 bis zum 22. März 1946 erfolgte auf Anweisung der sowjetischen Militärverwaltung die etwa 95-prozentige Demontage der Werke Horch und Audi. Am 17. August 1948 vollendete die sächsische Regierung formell die eigentlich schon vollzogene Liquidierung der Auto Union AG. Seit dem 1. Mai 1958 firmierte das Automobilwerk unter dem Namen VEB Sachsenring Automobilwerke Zwickau, nachdem sich die beiden Betriebe VEB Sachsenring Kraftfahrzeug- und Motorenwerke Zwickau (ehemals Horch) und VEB Automobilwerk AWZ Zwickau (ehemals Audi) zusammengeschlossen hatten.

Am 10. Juli lief das erste Auto vom Typ P 50 Trabant der Vorserie vom Montageband. In Spitzenzeiten arbeiteten etwa 11.330 Mitarbeiter im VEB Automobilwerk Sachsenring. Am 30. April 1991 rollte im Sachsenring-Werk der letzte Trabant" ein 1.1 Universal, vom Montageband. Das Fahrzeug erhielt einen Ehrenplatz im Automobilmuseum Zwickau. Insgesamt stellte die Firma in ihrer Geschichte 3.096.099 Trabis her. Dieser im VEB Sachsenring Zwickau gefertigte Wagen ist eines der bekanntesten Symbole der Wiedervereinigung Deutschlands. Allerdings wollte danach kaum noch jemand den Trabant kaufen.

Sich auf die Erfahrungen der Autobauer in der Zwickauer Region stützend, entschloss sich das Volkswagenwerk im Jahre 1990, im späteren Zwickauer Stadtteil Mosel ein Produktionswerk zu bauen. Dies wurde dadurch begünstigt, dass bereits 1981 in Mosel ein Gelenkwellenwerk die Produktion aufgenommen hatte und 1985 durch den VEB Sachsenring eine neue Lackiererei und Endmontage für zunächst 50.000 Trabant errichtet worden war. Dazu kam, dass die Volkswagen AG im August 1988 in Karl-Marx-Stadt/Chemnitz eine Alpha-Motoren-Produktionsanlage aufgebaut und in Betrieb genommen hatte.

Doch der politische Umbruch in der DDR und die Wiedervereinigung der deutschen Staaten führten dazu, dass sich der VW-Konzern dazu entschloss, in Mosel VW-Fahrzeuge herzustellen. Die Menschen nahmen mit großer Freude zur Kenntnis, dass sich VW in ihrer Heimat engagieren würde. Die 1990 gegründete Sächsische Automobilbau GmbH, die bis 1994 mit der Treuhand eine Auffanggesellschaft für die ehemalige Sachsenring-Anlage bildete, führte das als Mosel I bezeichnete Werk. Am 21. Mai 1990 lief in Mosel der erste montierte 55-PS-Polo mit Steilheck vom Band. Im August 1991 wurde am gleichen Standort die neue Lackiererei in Betrieb genommen. Ab 13. September 1991 stellte man im Werk Mosel I den VW Golf 2 her.

Die 1990 gegründete Volkswagen Sachsen GmbH führt heute als Tochter der Volkswagen AG in Wolfsburg in Zwickau die Geschäfte. In den Folgejahren sollte sich hier eine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte entwickeln. Bereits am 26. September 1990, nur wenige Tage vor der Wiedervereinigung Deutschlands, weilten Bundeskanzler Helmut Kohl und VW-Chef Carl Hahn in Mosel und legten den Grundstein für das Automobilwerk Mosel II. Die der Treuhandgesellschaft gehörende Motorenwerke Chemnitz GmbH wurde am 1. April 1992 von der Volkswagen Sachsen GmbH übernommen.

Gleichzeitig begannen die Bau- und Montagearbeiten für zahlreiche Zulieferfirmen in Zwickau, Meerane, Glauchau und anderen Städten. Ziel war die Just-in-time-Belieferung des Automobilwerkes mit den einzelnen Automobilteilen. Von den Zulieferern kamen beispielsweise für den Passat B5 und den Golf 4A Abgasanlagen, Räder, Leitungsstränge, Stoßfänger, Sitze, Tür- und Seitenverkleidungen, Gelenkwellen, Mittelkonsolen und Instrumententafeln. Am 25. August 1994 lief der 250.000., am 9. Juli 1999 der 1.000.000. Volkswagen - ein silberner Passat - vom Band. Inzwischen überschritt das VW-Werk am 16. November 2007 mit dem 3.000.000. in Sachsen gefertigten Volkswagen eine neue Grenze.

Inzwischen stellt das VW-Werk Zwickau-Mosel die Passat-Limousine, den Golf 6, Karosserien für den Bentley Continental GTC und den Phaeton her. Mit etwa 6200 Beschäftigten im Fahrzeugwerk Zwickau und 1000 Beschäftigten im Motorenwerk Chemnitz ist VW der größte Arbeitgeber in Sachsen. Am 11. Mai 2004 weilte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder im Werk Zwickau-Mosel und hielt eine Festrede,

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