Duo will Jugendlichen zuhören

In Eckersbach ist eine Clique von 20 Teenagern auf der Suche nach ihrem Platz. Sie sind laut und wild, aber wunderbar, stellen die Sozialarbeiter fest.

Zwickau.

Sie kannten sich schon seit Jahren. Thomas Meiers* Verhältnis zu seinen getrennt lebenden Eltern war nie das beste. Beim Eckersbacher Streetworker Alexander Beuschel fand er die offenen Ohren, die er manchmal benötigte. Behördenpost überforderte ihn. Irgendwann kamen Schulden dazu. Beuschel half ihm, ein Problem nach dem anderen abzuschütteln und in Arbeit zu kommen. Alles schien gut, Thomas hatte einen festen Job, Wohnung, Freundin, sollte bald Vater werden. Im Vorjahr dann der Schicksalsschlag: Der 25-Jährige* fand seinen Vater tot in dessen Wohnung liegend. Kurz danach trennte sich seine Freundin von ihm. Und sein Vater, erfuhr er erst da, hatte Schulden über Schulden. Um an die wenigen persönlichen Sachen heranzukommen, hätte er das Erbe antreten müssen. Mit Streetworkerin Lisa-Marie Laqua suchte er einen Anwalt. "Er war danach wie befreit", erinnert sich die 24-jährige Sozialarbeiterin. Thomas Meier ist nur einer von vielen, bei denen die Sozialarbeiter des Vereins "Gemeinsam Ziele erreichen" im Vorjahr die Erfahrung gemacht haben: die Mühe lohnt sich. Alexander Beuschel: "Wir sind das Geländer, an dem sich die Jugendlichen festhalten können."

Im Vorjahr sei es das erste Mal passiert, dass die Streetworker das ganze Altersspektrum, für das sie zuständig sind, ausschöpften: 14- bis 27-Jährige gehören laut Gesetz zu ihren Klienten. Vor allem klopften mehr Teenager an. "Es gibt da eine Gruppe von jungen Leuten, die massiven Bedarf hat", so Beuschel: An die 20 13- bis 15-Jährige, die mit Armut konfrontiert sind, mit Vereinsamung und einem merkwürdigen Umgang mit Sexualität. Sie fahren Skateboards und kommen in Kontakt mit Suchtmitteln. Die Eltern leben getrennt, sind süchtig oder gewalttätig. Laqua: "Einige rennen Idolen nach, glauben, so sein zu müssen wie die Leute auf Instagram. Sie suchen ihre Plätze in Eckersbach, ecken aber überall an. Sie sind laut und wild, aber wunderbar."

Die Sozialarbeiter wollen ihnen Raum, Zeit und Respekt geben, um selbst herauszufinden, was sie wollen. "Aber auch Grenzen zeigen", sagt Beuschel. Auf Ausfahrten nach Chemnitz und Leipzig - Weltreisen für manchen Jugendlichen - hatten die Teenager Gelegenheit, Dinge loszuwerden, über die man sonst nicht spricht oder die niemand hören will. Die Jugendlichen können auch einander schlecht zuhören. Gemeinsame Essen, für etliche an sich schon ein Erlebnis, boten da neue Gelegenheiten. Im Escape-Room, einer Art Abenteuerspielplatz für Erwachsene, ging es um Geduld und Team- arbeit, um Auspowern in der Kletterhalle. Bei einer Stadtführung mit Schauergeschichten lernten sie zudem Leipzigs Sehenswürdigkeiten kennen.

Laqua, die in Erfurt Erziehungswissenschaften und Management studiert, danach als Schulsozialarbeiterin in Zwickau gearbeitet hatte, ist im Herbst voll bei der mobilen Jugendarbeit in Eckersbach eingestiegen. Zu Thomas Meier fand sie fix einen Draht. Drei Monate lang trafen sie sich regelmäßig, räumten Stein für Stein aus dem Weg. Heute hat er sich gefangen, ist beruflich sogar aufgestiegen, "ein stolzer Vater", freute sich die Streetworkerin am Dienstag. *Name und Alter geändert


Donnerstags laden die Streetworker zu Ballspiel, Kennenlernen und Reden ein

Im respektvollen Zuhören sehen die Streetworker ihre Hauptaufgabe. Der Bedarf dafür sei enorm, versichert Beuschel. Auf dem gemeinsamen Weg zum Gerichtsvollzieher erfahre er oft das halbe Leben eines Jugendlichen. 75 Jugendliche haben sie im Vorjahr besonders intensiv betreut.

Die für Eckersbach und Pölbitz verantwortlichen Streetworker haben im Rahmen der 900-Jahr-Feierlichkeiten von Zwickau 900 Jugendliche befragt, wie sie Zwickau verändern würden. Beuschel zufolge haben sich viele Gedanken um Klimaschutz gemacht.

Ein großes Thema der Streetworker bleiben jugendliche Obdachlose. "Bei vielen geht es um die Grundversorgung, sie haben nichts zu essen", sagt Beuschel. Mit zwölf jungen Leuten stehen die Streetworker in engem Kontakt, in losem mit 30 weiteren, die bei Freunden untergekommen sind oder gelegentlich draußen schlafen.

Donnerstags, 18.15 bis 19.30 Uhr, haben Jugendliche die Möglichkeit, in der DPFA-Turnhalle an der Salutstraße Fußball, Volleyball oder Hockey zu spielen. "Wenn manchmal rund 50 kommen, wollen 25 nur reden", sagt Beuschel.

Ein Graffiti-Projekt mit abschließender Party ist in den Sommerferien im Sportforum "Sojus" geplant. Der Verein will das gemeinsam mit der Kunstplantage ausrichten. (upa)

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