Ein Abend der hellen Freude

900 Jahre Zwickau: Mit einem Festakt hat gestern die Festwoche begonnen. Die Feier verfolgten mehr Menschen als in den Dom passen.

Zwickau.

Die Freude auf das Fest und die Ehrfurcht vor einer 900-Jährigen - beides tritt im Laufe von fast zwei Stunden ans abendliche Dämmerlicht. Während es zu Beginn des Festaktes im Dom St. Marien mucksmäuschenstill ist, ersterben auf dem Hauptmarkt die Gespräche nur nach und nach. Dorthin wird der Festakt zum Auftakt der Festwoche "900 Jahre Zwickau" live übertragen.

Kirchenmusikdirektor Henk Galenkamp eröffnet die Feier. Die Orgeltöne rollen über die Menschen auf dem Hauptmarkt hinweg, fast hört es sich so an, als sei man selbst in der Kirche. Manch einer leckt noch am Eis, rückt mit den letzten Sonnenstrahlen in Richtung Rathaus, ehe der gesamte Markt im Schatten liegt. Kinder hüpfen zwischen den Erwachsenen herum, Freunde begrüßen sich, die Oberbürgermeisterin spricht. Sie streift kreuz und quer durch die Geschichte der Stadt, erspart sich und ihren Zuhörern auch die dunklen Momente nicht, als auf Schloss Osterstein ein KZ eingerichtet wurde oder als der NSU in der Stadt aufflog.

Etwas später geht ein Raunen durch den Dom und weht über den Hauptmarkt. Elin Kolev gesellt sich zum Philharmonischen Orchester Plauen-Zwickau. Er spielt den 1. Satz aus dem Violinkonzert in d-Moll von Robert Schumann. Und er spielt es so intensiv und würdig, wie es sich für den großen Tag einer rüstigen 900-Jährigen gehört. 21 Jahre ist er alt, und doch erkennen die Zwickauer in dem jungen Mann ihr Wunderkind, das er in ihren Herzen wohl immer bleiben wird. Als der letzte Ton verklingt, brandet großer Applaus auf - unter freiem Himmel wie auch unter der farblich angeleuchteten Decke des Doms.

650 Menschen haben Karten für den Festakt in der Kirche bekommen. Unter ihnen sind viele geladene Gäste wie drei Ehrenbürger der Stadt, zwei Altoberbürgermeister sowie die Stadtobersten der Partnerstädte Dortmund, Jablonec, Yandu und Volodymyr-Volynsky. Unter den weit mehr als 1000 Zuschauern auf dem Hauptmarkt sind viele, denen die Stadt am Herzen liegt, die gespannt auch den Reden und Grußworten lauschen. So spricht Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer davon, dass "Zwickau vieles von dem versinnbildlicht, was Sachsen stark gemacht hat". Vieles habe die Stadt erreicht, sagt er. "Heute geht es nicht mehr vordergründig darum, Häuser zu bauen." Während die Gäste draußen, vor dem verhüllten Gewandhaus das hinnehmen, erhebt sich drinnen Gemurmel. Stadträte und andere Bürgervertreter sehen das offenbar nicht ganz so. Am Ende seiner Rede verspricht der Ministerpräsident den Zwickauern etwas. "Ich möchte mich dafür einsetzen, dass das Kaufhaus Schocken zu neuem Leben erweckt wird." Da gibt es wieder Applaus.

Der Festakt ist ein würdiger Beginn dieser Geburtstagswoche. Doch er ist auch kurzweilig und unterhaltsam - so abwechslungsreich wie das Leben in der Stadt. Und so finden sich zum Abschluss alle Akteure des Abends - vom Orchester über die zahlreichen Chöre und die Rockband des Robert-Schumann-Konservatoriums bis hin zu Elin Kolev zusammen zu einer Hymne. Das Stück ist ein Auftragswerk. Peer Baierlein schrieb es der 900-Jährigen und ihren Musikern auf den Leib. Die beginnen klassisch und zurückgenommen, steigern sich zu einem rockigen Finale, nach dem es drinnen wie draußen nur noch eines gibt: helle Begeisterung.

Nachfolgend sehen Sie Fotos von Gebäuden, die während des "Festivals of Lights" bis Samstag in ein völlig neues Licht getaucht werden.

Das Paradies leuchtet

Neue Bewohner am Muldeparadies: Diese Pinguine warten auf Schaulustige. Irritationen um die Illumination im Muldeparadies hatte es am Montagvormittag gegeben, als Anwohner die Scheinwerfer für das "Festival of Lights" auf dem Boden liegend vorfanden. Was war passiert? Durch starke Windböen am Montagvormittag wurden einige Ständer einfach umgeweht. Die Techniker vor Ort entschieden dann, auch die restlichen Anlagen vorsichtshalber auf den Boden zu legen. Laut Rathaus ist kein Schaden entstanden. Das Muldeparadies ist Zwickaus jüngster Schatz, ein grünes Areal am Pulverturm jenseits der historischen Stadtmauer, das erst durch den Bau des City-Tunnels möglich wurde. Im Sommer ist es der beliebteste Park der Stadt, gesäumt mit Spielplätzen und Gelegenheiten zum verweilen. In den Abendstunden macht es dagegen bisweilen Schlagzeilen wegen Lärms, Gewalt und Alkoholismus.

Der feste Anker der Stadt

Anker, Seile, Seemannsgarn: Das Schiffchen segelt wieder am Kornmarkt. Für das wegen seines spitzwinkligen, schmalen Aussehens bekannte Haus ist mit allerlei maritimen Motiven angestrahlt. Die Seile nehmen natürlich Bezug auf die Geschichte des Gebäudes, oder besser gesagt: seines Vorgängerbaus. Der beherbergte immerhin für ein Drittel der 900-jährigen Stadtgeschichte die Zunft der Seilhersteller. Dass die Seile vor allem in der Seefahrt zum Einsatz kamen, belegt das an der Giebelseite angebrachte alte Zunftzeichen - ein Anker, der in der Illumination gleich mehrfach hervorgehoben wird. Das Originalgebäude war 1485 entstanden und wurde noch bis in die 1930er-Jahre von Seilern und deren Familien bewohnt. Das Zwickauer Hochwasser von 1954 beschädigte den Bau so nachhaltig, dass der 14 Jahre später abgerissen werden musste. 1969 wurde der Neubau übergeben, der heute der Gebäude- und Grundstücksgesellschaft gehört.

Ein Raum zur Ehre Gottes

Es war zwar eine andere Marienkirche, deren Einweihung quasi das Geburtsdatum der Stadt Zwickau markierte. Dennoch spielt der Dom St. Marien heute im Leben der Stadt, in den Herzen der Zwickauer eine wichtige Rolle - nicht nur für Christen, und nicht nur für Touristen. Superintendent Harald Pepel verwies während des Festaktes auf die Baugerüste, die es nicht mehr rechtzeitig aus der Kirche geschafft hatten. Sie sind kein Makel auf den Bildern, sie zeigen viel mehr, dass die Zwickauer ihren Dom bewahren wollen und ihn mit in eine neue Zeit nehmen. Er wird später im Jahr, am 21. Juni, noch einem weiteren Geburtstagsgruß für die Stadt einen würdigen Raum geben: Dann reist der Leipziger Thomanerchor zu einem Konzert an. Übrigens: Die Marienkirche, deren Weiheurkunde das älteste Zeugnis Zwickaus ist, befand sich in der heutigen Nordvorstadt, im damaligen Dorf Osterweih. Das ist Geschichte - aber nicht vergessen.

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