Ein Gruß aus New York an ein weltoffenes Zwickau

Die Freunde aktueller Kunst verlassen ihre Galerie. Zumindest für eine kurze Zeit benutzen sie den Hauptmarkt als Ausstellungsfläche.

Zwickau.

Die große Politik spielt sich in der nächsten Zeit nicht im Zwickauer Rathaus ab. Von dort allerdings hat man einen guten Blick darauf, was Hans Haacke der Welt zu sagen hat.

Der Verein "Freunde aktueller Kunst" wird ab dem kommenden Samstag, 6. April, ein Banner zeigen, das schon durch die halbe Welt gereist ist - und überall Eindruck hinterlassen hat. Es sorgte durchaus auch für Diskussionen. Auf dem zehn mal fünf Meter großen Druck ist ein Spruch des Künstlers Haacke zu lesen: "Wir (alle) sind das Volk". Dieses Werk war 2017 Haackes Beitrag zur Documenta 14 in Kassel und Athen. Seitdem war es unter anderem in Brüssel, New York und Ramallah zu sehen. Dass es nun auch in Zwickau gezeigt wird, ist für Klaus Fischer vom Verein "Freunde aktueller Kunst" ein Glücksfall - und eine Anerkennung für die bisherige Arbeit. "Wir sind als Verein die einzige freie Institution, die dafür angefragt wurde." Die Zusage dafür war für Fischer eine Selbstverständlichkeit.

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Die Initiative dazu ging von Kunsthistorikerin und Journalistin Sarah Alberti sowie Robert Flügge aus, dem Rektor der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Die Möglichkeit, das Banner so prominent an der ehemaligen Löwenapotheke zu platzieren, schuf das Architekturbüro Bauconzept, das dieses Gebäude derzeit saniert.

Dass die Freunde aktueller Kunst große Künstler nach Zwickau locken können, ist bekannt. Doch diese Schau ist auch für den Vorsitzenden Klaus Fischer noch einmal etwas Besonderes. Zum einen, weil Hans Haacke, der in New York lebt, als bedeutendster deutscher politischer Konzeptkünstler gilt. Zum anderen aber auch, weil die Kunst in diesem Fall zu den Menschen kommt anstatt sie in eine Galerie zu locken. "Das bedeutet eine absolute Distanzverringerung zwischen dem Werk und seinem Publikum", sagt Fischer.

Das Werk ist in der Tat viel- sagend: Hans Haacke möchte damit an die Parole erinnern, als 1989 die DDR-Bürger ihre Obersten aus den Ämtern vertrieben haben. Doch es sagt noch mehr. Denn damals wie heute, wo die Parole wieder auf den Straßen zu hören ist, fehlt das Wort "alle". Haacke selbst sagt über den Zusatz, er "bekräftigt unsere Verbundenheit mit allen Migranten und Flüchtlingen, die gegenwärtig in vielen Ländern der Welt virulentem Fremdenhass, Rassismus und lebensbedrohenden Religionskonflikten ausgesetzt sind". Aus diesem Grund hat Haacke es nicht beim Deutschen belassen, sondern den Satz in 30 Sprachen übersetzt, darunter arabisch, polnisch, kurdisch, französisch und Trigrinya - eine Sprache, die in Eritrea und Äthio- pien gesprochen wird. "Dieses Banner hat solch eine visuelle Präsenz, dass keiner dran vorbeikommen wird", sagt Klaus Fischer. Dass dies möglicherweise nicht in jedermanns Sinn ist, das ist ihm bewusst. Doch Kunst, das ist ihm ebenso klar, versteht sich selten als allgefällig, sondern vielmehr als Katalysator für einen Diskurs.

So könnte sich der Zwickauer Hauptmarkt ab Ende der kommenden Woche zu einem Forum ent- wickeln, wo Menschen mehr als sonst ins Gespräch kommen.

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