Ein Leben voller Grenzerfahrungen

Mauerfall 89: Wie erlebten Menschen in unserer Region diese Zeit? Heute: Claudia Pfister aus Thurm hatte den Westen immer im Blick.

Thurm.

Einen Großteil ihres Lebens hatte Claudia Pfister die Berliner Mauer direkt vor ihrer Nase. Vielleicht zehn oder 15 Meter trennten sie vom Todesstreifen. "Wir wohnten in Treptow an einer der engsten Stellen der Grenze. Von unserer Wohnung im vierten Stock konnten wir direkt nach Westberlin blicken. Drüben war Neukölln, eine Bushaltestelle, ein Friseur, Leute wie du und ich. Trotz dieser räumlichen Nähe war die ganze Szenerie für uns weiter weg als Sibirien. Dieses für Außenstehende nur schwer nachvollziehbare Gefühl der Beklemmung hat mein Leben geprägt", berichtet die 50-Jährige.

Die Mauer war allgegenwärtig und bis zu einem bestimmten Alter auch ein Stück Normalität. Claudia Pfister erinnert sich an eine Episode. "Ich habe oft mit den Jungs aus der Nachbarschaft Fußball gespielt. Einmal habe ich den guten Lederball eines Klassenkameraden so ungünstig getroffen, dass er über die Mauer geflogen ist. Ein Dilemma. Zu meinem Glück standen hinter dem Betonwall wohl humorvolle Grenzsoldaten. Sie beförderten den Ball kurzerhand zurück."

Als Teenager kam dann Stück für Stück die Erkenntnis, was die Mauer eigentlich Schlimmes bedeutete. Einmal sei ein Junge aus ihrer Klasse beim Altstoffsammeln gestürzt und habe sich dabei schwere Verletzungen zugezogen. Trotzdem schaffte er es bis nach Hause. Das aber lag direkt im Grenzgebiet, zu dem ein Zugang nur mit Passierschein möglich war. "Die Leute im zu Hilfe gerufenen Rettungswagen hatten Probleme durchzukommen. Das war einfach eine Sache, die ich damals absolut nicht verstehen konnte."

Noch viele weitere Erlebnisse im Schatten der Mauer haben sich Claudia Pfister ins Gedächtnis eingeprägt. Erschwerend kam hinzu, dass ihr leiblicher Vater Kolumbianer war, der von der kommunistischen Partei nach Ostdeutschland geschickt worden war, 1970 aber wieder zurück musste. Drei offizielle Pressefotos, seinen Namen und wo er herkam - mehr wusste sie von ihm nicht. "Obwohl ich die DDR-Staatsbürgerschaft hatte, gehörte ich nicht richtig dazu. Der Vater aus dem westlichen Ausland, der nie auftauchte, war immer ein Problem." Auch die Stasi hatte ein Auge auf sie geworfen. In einer konspirativen Wohnung wurde die damals 17-Jährige zu einem Nachbarn befragt, der in der Friedensbewegung mitwirkte. "Ich wusste nichts und habe davon auch erst im Nachhinein erfahren. Aber diese ganze Spitzelei hat mich damals ungeheuer angewidert."

Den eigentlichen Fall des von den DDR-Oberen gerne als antifaschistischer Schutzwall bezeichneten Bollwerkes hat sie schließlich im wahrsten Sinne des Wortes verpennt. "Da man mir meine Studienwünsche Veterinärmedizin oder Journalismus verwehrte, habe ich als Sprechstundenhilfe in einer Tierklinik gearbeitet. Im Dreischichtsystem. An jenem 9. November kam ich nach der Morgenschicht todmüde heim und fiel ins Bett." Am nächsten Morgen sei sie ganz normal in die Tierklinik nach Biesdorf gefahren. Dort kam ihr ihre Freundin entgegen und eröffnet ihr euphorisch, dass sie gerade auf dem Ku'damm gewesen sei. "Erst in diesem Moment habe ich mitbekommen, was über Nacht eigentlich passiert ist. Am Abend des 10. November habe ich mich dann selbst nach Westberlin aufgemacht. Rüber bin ich über den Bahnhof Friedrichstraße - den Tränenpalast. Es war alles so unwirtlich, gespenstisch und unglaublich." Das Gefühl, die Mauer zum ersten Mal von der anderen Seite aus zu sehen, könne sie kaum beschreiben. "Wahrscheinlich versteht das nur jemand so richtig, der wie ich selbst im Schatten der Mauer aufgewachsen ist."

Diese erste Nacht im Westen habe sie wie im Rausch erlebt. Da sie wie viele DDR-Bürger aber nicht sicher war, ob die Grenze auf Dauer offen bleiben würde, brach sie schon wenige Tage später ihr Brücken im Osten der Stadt ab und ging nach Westberlin. Der 10. November, das Datum ihres ersten Besuches im Westen, sollte im Leben von Claudia Pfister noch einmal eine Rolle spielen. Eine sehr traurige. Weil sie sich in den Zwickauer Amtstierarzt Toby Pintscher verliebte hatte, zog sie im Mai 2018 von Berlin nach Sachsen. Für Sommer 2019 war die Hochzeit geplant. Doch am 10. November 2018 starb er völlig unerwartet. "Mich hat das Schicksal nach Sachsen geführt, nun bleibe ich auch hier", sagt Claudia Pfister, die inzwischen in Thurm wohnt.

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