Ein mustergültiges Varieté

Zwickau.

1893 ließ der Baumeister Carl Friedrich August Lemmrich an der Luisenstraße das Grand-Ball-Etablissement "Lindenhof" als Tanzlokal erbauen. Die feierliche Eröffnung erfolgte am 4. Oktober 1893. Das Gebäude verfügte im Erdgeschoss über Gesellschaftszimmer, Speisesaal, Billardzimmer, Tanzsaal, Damen- und Herrengarderobe, Büffet, Anrichtraum und Speisekammer, Küche, Gastzimmer und einen Laden. Zwölf Stuben, Kammern und Küchen, vier Fremdenzimmer und zwei Abortanlagen befanden sich in der ersten Etage. Der Tanzsaal war 19,2 Meter lang und 17,0 Meter breit (326,4 Quadratmeter). Die beidseitige Galerie für den Rang hatte eine Breite von 3,5 Meter und wurde von zehn Stützen getragen. Die Bühne mit einer Größe von 8,5 mal 4,87 Metern (41,4 Quadratmeter) war verhältnismäßig klein. In der ersten Etage befand sich auf der westlichen Seite des Saales ein offener Raum für das Tanzmusikorchester.

Am 15. März 1894 kaufte Bruno Beyer den "Lindenhof". Dieser rührige Geschäftsmann ließ zwischen dem Tanzsaal und dem Marienthaler Bach einen Konzertgarten anlegen, den eine 25,8 Meter lange Veranda mit einer Musikhalle für schlechtes Wetter nach Richtung Westen abschloss. Im Mai 1902 ließ er die beiden Ufer des Marienthaler Bachs durch eine Holzbrücke verbinden. Am Sonntag, dem 11. Oktober 1903, konnte der umgebaute "Lindenhof" feierlich eröffnet werden. Direktor Beyer pries sein Etablissement stolz als "Theater-Varieté und Kino ersten Ranges, Concert- und Ballhaus, Concert-Garten mit Theaterbühne" an. Hier wurden Theaterstücke oder Varietéprogramme aufgeführt. Eine besondere Attraktion waren die wandernden Filmtheater, die Stummfilme, von Klaviermusik begleitet, zeigten.

In einer Werbung ließ Bruno Beyer verkünden: "Das ganze Etablissement ist eine Sehenswürdigkeit Zwickaus, der prächtige Saal kann in kurzer Zeit in zwei elegante Ballsäle verwandelt werden." Die Teilung des Saales geschah durch eine Vollwand auf Rädern. Am 27. Mai 1905 erteilte die Baubehörde die Genehmigung zum Bau eines Sommertheaters. Der Garten des "Lindenhofes", in dem im Sommerhalbjahr zahlreiche Konzerte und Veranstaltungen stattfanden, galt damals als einer der schönsten Sommergärten in ganz Westsachsen. Eine Grotte und das Alpenpanorama mit seinem Alpenglü- hen - nach heutigem Geschmack kitschig wirkend - rief bei den Besuchern große Bewunderung hervor.

Schon damals traten im Varieté so bekannte Künstler wie der Humorist Otto Reuter (1886-1922), die Chanson-Sängerin Claire Waldoff (1884-1957) und die australische Cancan-Tänzerin Saharet (Clarissa Rose Campell, 1879-1942) auf. In den Sommermonaten nutzte das Zwickauer Stadttheater die Bühne für ihre Aufführungen - meist lustige Schwänke. Selbst der Zirkus Hagenbeck und die Dresdner Hofoper gastierten hier.

Der Erste Weltkrieg war auch für Kunst und Frohsinn eine tiefe Zäsur. Alle Vorstellungen im "Lindenhof" mussten eingestellt werden, denn der Saal wurde schon ab dem 3. August 1914 von Soldaten des Zwickauer Ersatz-Regiments Nr. 133, die eingezogen wurden, vorübergehend als Schlafsaal genutzt. Am 13. Mai 1918 starb Bruno Beyer. Die gleichberechtigten Erben, seine Witwe Helene Beyer und sein Bruder Bruno Georg Beyer als Direktor, vorher Kürschnermeister in der Wilhelmstraße 6 (heute Hauptstraße), führten das "Theater-, Varieté-, Kino-, Konzert- und Ballhaus" weiter. Nach Helenes Beyers Tod (20. März 1921) war Bruno Georg Beyer Alleininhaber. Unter seiner Leitung verfiel der "Lindenhof" jedoch zusehends. Zwischen 1920 und 1924 erhielt Beyer von der Wohlfahrtspolizei insgesamt 14 Strafen. Eine 24-jährige Kellnerin trieb gewerbsmäßige Unzucht, das heißt, sie verschwand mit ihren Gästen in einem reservierten Zimmer, in dem ein Sofa stand. Am 5. Januar 1928 wurde Beyer von der Behörde aufgefordert, den Schankbetrieb sofort einzustellen. Im Saal konnten nur noch Versammlungen und Kinovorführungen stattfinden.

Ende 1931 ging der Gebäudekomplex Marienthaler Straße 53 in das Eigentum der Vereinsbrauerei Zwickau über. Sie suchte für den stillgelegten und rufgeschädigten Gasthof ein neues Konzept. Der aus Wien stammende Fritz Berger entschloss sich nach langem Zögern, das Varieté zu übernehmen. Eine wichtige Grundlage für seinen Entschluss war, die jetzt verbesserte Verkehrsanbindung des Etablissements (zweigleisiger Straßenbahnbetrieb, Omnibusverkehr, Bau der heutigen Kopernikusstraße als Verbindung zum Hauptbahnhof). Am 25. Dezember 1934 konnte Berger den "Lindenhof" als klassisches Varieté wieder eröffnen und mit neuen Ideen und namhaften Künstlern den Durchbruch schaffen. Berger engagierte mit Alfred Löwenberg als Geschäftsführer und Artistischem Leiter (ab 1934) sowie Erwin Pollini als Kapellmeister (ab 1935) zwei Spitzenleute. Von nun an entwickelte sich in Zwickau ein Weltstadt-Varieté. Bergers Mottos lauteten: "Für unsere Gäste vom Guten nur das Beste!" und: "Immer mehr - immer besser!". Der Saal bot nach einem Umbau 1059 Besuchern Platz. Die Fassade des Gebäudes wurde "versachlicht", von Verzierungen befreit und angestrahlt. So konnte Berger stolz behaupten: "Das eine hat Zwickau vielen Großstädten voraus: ein mustergültiges Varieté, wie es nur ganz wenige in Deutschland gibt!"

Bekannte Künstler und Artisten, wie der "Radiokomiker" Karl Napp und die Akrobaten Die acht Alfredos gaben sich im "Lindenhof" sozusagen die Klinke in die Hand. Immer nach 14 Tagen, wenn das Programm wechselte, priesen die Zeitungen die neuen Vorstellungen an. Nicht nur aus Westsachsen, sondern auch aus den angrenzenden Gebieten Thüringens, Mittelsachsens und aus dem Erzgebirge reisten die begeisterten Besucher mit öffentlichen Verkehrsmitteln, mit einem preiswerten Sonderbus oder per Sonderzug an. In der Spielzeit 1936/37 wurden 2033 geparkte Omnibusse und 10.448 Pkw gezählt. Mit 194.781 Zuschauern war das an 181 Tagen geöffnete Varieté (einschließlich der Nachmittags-Vorstellungen insgesamt 236 Vorstellungen) zu 85 Prozent ausgelastet (durchschnittlich 825 Besucher pro Vorstellung).

Der Krieg veränderte ab Herbst 1939 im Lauf der Monate auch das Publikum und den Ort der Veranstaltungen. Jeden Mittwochnachmittag wurden etwa 70 verwundete Soldaten aus dem Reservelazarett II im Heinrich-Braun-Krankenhaus zur Vorstellung eingeladen. 101 Vorstellungen von 288 waren nicht öffentlich - 30 für die Wehrmacht, 62 für die "Kraft durch Freude" (KdF) in Rüstungsbetrieben und neun für die Nationalsozialistische Kriegsopferversorgung (NSKOV). Das Programm des Groß-Varietès "Lindenhof" stand im Februar 1937 noch unter dem Motto: "Lachbomben über Zwickau". Acht Jahre später war den Zwickauern das Lachen - nicht nur wegen der Luftangriffe in den Jahren 1944/45 - vergangen. Das Personal des "Lindenhofes" wurde zum größten Teil eingezogen oder musste kriegswichtige Güter produzieren. Die letzte Vorstellung für Erwachsene war am 5. August 1944 das Gastspiel des Dresdner Central-Theaters. Dann schlug am 19. März 1945 eine amerikanische Fliegerbombe in das Bühnenhaus des Varietés ein.

Mit einer provisorischen Bühne "aus feuerhemmender Kappagplattenausführung" im Zuschauerraum wurde ab dem 1. September 1945 unter Leitung des Direktors Fritz Berger und des Intendanten Felix Brosig wieder ein Varietéprogramm gespielt. Erwin Pollini (1899-1988) dirigierte wieder das LIHO-Orchester. Der beliebte Dirigent, 1933 noch Mitglied der NSDAP, war am 16. Januar 1942 nach Ausstellung seines Abstammungsbescheides durch das Reichssippenamt von der Zwickauer Gestapo im Büro des "Lindenhofes" verhaftet und inhaftiert worden, da er jüdischer Herkunft war. 1943 wurde er in das Konzentrationslager Auschwitz eingeliefert. Am 28. Januar 1945 konnte er während eines Häftlingstransportes unweit von Eisleben aus einem Zug springen und sich in Sicherheit bringen.

Nach Kriegsende blühte dem "Lindenhof" eine rosige Zukunft. Darüber wird in der nächsten Folge berichtet.

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