Ein Senior trotzt Corona und schwingt den Pinsel

Wer macht heute noch etwas ohne Bezahlung? Ein Rentner aus Gersdorf beweist, dass es die gute, alte Schule noch gibt.

Gersdorf.

Ein Auto fährt gemächlich den Teutoniaweg in Gersdorf hinauf in Richtung Windpark. Hinterm Lenkrad sitzt Manfred Haugwitz. Der 73-Jährige macht keine Sightseeingtour. Vielmehr steuert der Rentner zielsicher die Ruhebank Marke Eigenbau an, die sich auf der Hälfte des Weges zur Einmündung zur Garnstraße befindet. Die Sitzfläche ist die Bank einer alten Biertischgarnitur. Und weil hier der Wind von hinten immer mächtig pfeift, schützt eine hohe Lehne aus Brettern den Wanderer.

Haugwitz packt Farbeimer und Pinsel aus. Die Bank soll frische Farbe bekommen. "Die Farbe hatte ich noch übrig", sagt er und macht sich ans Werk. Dass heutzutage noch jemand etwas ohne Bezahlung für die Allgemeinheit tut, hat Seltenheitswert. Für Haugwitz aber ist das selbstverständlich. Er ist noch ein Mann der alten Schule. "Wir sind hier auf dem Dorf. Da muss man doch etwas dafür tun, dass der Ort lebenswert bleibt", sagt er. Aber Corona? Haugwitz winkt ab und lacht. "Ich schwinge ja hier alleine meinen Pinsel. Außerdem ist schönes Wetter, da muss ich an die frische Luft", sagt er.

Es ist nicht das erste Mal, dass er sich um die Bank kümmert. "Es gehen zwar immer weniger Leute spazieren. Aber die Leute, die sie nutzen, sind dankbar und genießen den schönen Ausblick in die Landschaft. Oft sind es die Hundehalter, die ihre Vierbeiner Gassi führen", sagt er. Ganz nebenher erzählt er, dass er auch die Bäume gepflanzt hat - nicht nur die beiden, an denen die Bank befestigt ist, sondern sämtliche Bäume am Teutoniaweg. "Wir haben die ganze Strecke bepflanzt", erinnert er sich. Wir? Das waren Manfred Haugwitz und sein Bruder Günter. Beide verdienten damals ihre Brötchen in der Brauerei. Günter Haugwitz war viele Jahre der Braumeister in der Glückauf-Brauerei. "Und mich hat es in den Fuhrpark verschlagen", erzählt Manfred Haugwitz. Er habe als junger Kerl seine Fahrschule und die Führerscheinprüfung bei der Gesellschaft für Sport und Technik absolviert. Dort kostete der komplette Lehrgang damals 58,60 Mark Ost. Die robuste Arbeitskleidung aus DDR-Zeiten hat er übrigens heute noch in Benutzung, sagt er - reißt sich die alte Brauermütze vom Kopf und zeigt sie stolz.

Ein paar Minuten später ist dieBank fertig - Vorsicht, frisch gestrichen! Bis zur nächsten Renovierung.


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