Ein Wegbereiter - auch mit 52

Der Meeraner Tasso hat es in einen Bildband über die neuen Meister der Wandmalerei geschafft. Die Ideen scheinen ihm nie auszugehen. Bald stellt er wieder in Zwickau aus.

Zwickau/Meerane.

Sichtlich stolz hält Jens Müller alias Tasso den Bildband in die Kamera. Gemeinsam mit 90 anderen international etablierten Street-Art-Künstlern hat der Mee- raner es unter die "Mural Masters A New Generation" geschafft. Das reich illustrierte englischsprachige Werk ist bei Gingko Press in Kali- fornien erschienen und vereint, auf Deutsch, die neuen Meister der Wandmalerei.

Mit dem Sprühen fotorealistischer Graffiti - seit 1999 sein Markenzeichen - hat sich der Künstler weltweit einen Namen gemacht. Die Arbeiten des Vielreisenden, der unter anderem 2010 auf der Expo in Shanghai im deutschen Pavillon ausstellte, erschienen bereits in vielen Magazinen und Büchern. Trotz allem fühlt er sich geehrt, neben neun weiteren deutschen Fassadengestaltern in den Band aufgenommen worden zu sein. Zeigt es doch auch, dass sich der 52-jährige neben seinen deutlich jüngeren Kollegen behaupten konnte.

Dabei ist es gar nicht so einfach, in der Street-Art-Szene präsent zu bleiben. Sie hat eine enorme Vielfalt an Techniken hervorgebracht und gehört zu den innovativsten Kunstrichtungen unserer Zeit. "War es früher ein Dogma, mit der Spraydose zu arbeiten, benutzt man heute alles Mögliche. Es wird geklebt, geflext und gesägt. Es sind keine Grenzen gesetzt", sagt Tasso. Ständig rückten neue Künstler ins Rampenlicht. "Bisher hatte ich aber das Glück, den Zeitgeist dieser schnelllebigen Subkultur einfangen zu können."

Street Art sei ein globales Phänomen, das auf Miteinander und Toleranz aufbaut, sagt der Westsachse. "Meinen Kollegen Case, der in Frankfurt (Main) lebt, habe ich zum Beispiel zuletzt bei einem Auftrag in Abu Dhabi getroffen. Das Witzige daran ist, dass wir uns früher fast jede Woche in Weimar, Meerane oder Schmalkalden begegnet sind." Mit den anderen beiden Mitgliedern seiner Künstlergruppe Ma'Claim ging es ihm nicht anders. "Akut und Rusk habe ich 2016 nach Jahren in Kolumbien wiedergesehen."

Tasso war und ist Wegbereiter - er hat die szenetypischen Graffiti zur Street Art erweitert und als ernst zu nehmende Kunstrichtung einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Seine Kunst an öffentlichen Orten soll vor allem Freude bereiten, sich mit dem Betrachter verbinden und ihn berühren. "Ich möchte Kunst für Menschen zugänglich machen, die niemals in ein Museum gehen würden. Kunst darf nicht elitär und affektiert sein."

Seitdem er Mitte der 90er-Jahre dank Auftragsarbeiten den Schritt in die Legalität geschafft hat, sichern ihm bezahlte Werke seinen Lebensunterhalt und ermöglichen ihm seit 2000 die Selbstständigkeit. Seinen Stil, Darstellungen nach Fotovorlage zu sprühen, nannte er selbst "GrafFoto". Mittlerweile zählen große Unternehmen aus dem In- und Ausland zu seinen Auftraggebern. Die kalten Wintermonate nutzt er als Entwurfsphase für unterschiedliche Projekte. Aktuell entwirft er eine Fassadengestaltung für den Zwickauer Großvermieter GGZ. "Eine Sekretärin wäre bei den vielen Aufträgen und Einladungen nicht schlecht", so der Freiberufler. "Akquise und die Büroarbeit fressen einfach sehr viel Zeit."

Obwohl er schon etliche Flugmeilen zurückgelegt hat, fühlt sich Müller mit seiner Heimat verbunden. So zieren etliche Werke mit Motiven wie dem Trabi und Robert Schumann die Fassaden seiner Heimatstadt Meerane und des Umlands: "Mittlerweile kennt mich dort auch das ältere Publikum. Von Leuten, die Graffiti früher als Schmiererei abgetan haben, werde ich nun auf der Straße angesprochen." 2006 rief er, auf der Suche nach neuen Entfaltungsmöglichkeiten, das Projekt Ibug (Industriebrachenumgestaltung) ins Leben - das an wechselnden Orten noch immer lebt. Er selbst geht auch gern zu Ausstellungseröffnungen in der hiesigen Region: "Für mich ist es wichtig, mich mit den Leuten zu vernetzen."

Neben der bezahlten Auftragsmalerei verwirklicht der gelernte Fleischer seine Ideen auf Leinwänden. Bereits in den 90er-Jahren begann er, Arbeiten in Gruppenausstellungen zu zeigen. 2009 folgte die erste Einzelausstellung in der Glauchauer Galerie "Art Gluchowe". Die Bandbreite seiner künstlerischen Techniken reicht von abstrakter Malerei über Collagen bis hin zu Installationen. "Als ich angefangen habe mit Graffiti, waren Arbeiten auf Leinwand ganz unaktuell. Heutzutage können sich Street Art und Graffiti locker mit traditioneller Kunst messen", betont er. Mit einer Vorliebe für Ironie und subtile Hinweise setzt er sich mit gesellschaftskritischen Themen auseinander: "Ich male, was mich beschäftigt. Das muss andere nicht erfreuen." Im Moment habe er die Bildidee des "Jammer-Ossis" im Kopf. Das Bild soll von der Wende-Problematik und der Ungleichheit 30 Jahre nach der Wiedervereinigung handeln. Er habe da schon einen Bekannten im Sinn, der als Fotovorlage dienen soll. Der wisse aber noch nichts von seinem Glück, so Tasso.

Nicht immer ist der Künstler glücklich mit seinen Fortschritten in der Heimat: Seine Idee, ein Graffiti- und Street-Art-Museum in Meerane aufzubauen, um jüngere Leute aus den größeren Städten anzulocken, verlief bisher zum Beispiel im Sande. Die Hoffnung darauf hat er allerdings noch nicht aufgegeben. "Provinz macht sich selbst zur Provinz", sagt Müller, "ich denke lieber in größerem Stil."

Ab 14. März stellt Tasso unter dem Titel "some new, some old, some other" im Hotel "First Inn" in Zwickau aus. Die Vernissage des Kunst- und Kulturfördervereins Fraureuth beginnt 19 Uhr.

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