Fliegende Flaggen faszinieren

Viele Westsachsen gehen ungewöhnlichen Freizeitbeschäftigungen nach. "Freie Presse" stellt die Liebhabereien in einer Serie vor. Heute: das Fahnenschwingen.

Glauchau.

Mit Fahnen kennt sich Tino Fiehöfer aus. Der 25-Jährige ist nicht nur Fußball-Schiedsrichter und schwingt hin und wieder als Linienrichter die Fahne. Viele größere Exemplare kommen zum Einsatz, wenn er mit den "Schönburgern" auftritt oder trainiert. "So etwas macht nicht jeder. Das ist schon ziemlich einzigartig", sagt Fiehöfer, der schon im Alter von neun Jahren erste Versuche unternahm. Für die Choreografien mit Fahnen in unterschiedlicher Größe ist viel Vorbereitung nötig. Passend zur jeweiligen Musik werden bestimmte Elemente und Techniken kombiniert und dann einstudiert. Das muss exakt erfolgen, denn als Gruppe haben die Fahnenschwinger das Ziel, so synchron wie möglich zu agieren. "Wenn wir ein neues Programm einstudieren, dauert das dann schon ein halbes Jahr", sagt der Fahnenschwinger, der von seinem Opa für das ungewöhnliche Hobby begeistert wurde.

In der Fahnenschwingerszene gibt es allerlei Griffe und Würfe. Damit es klappt, müssen viele Details beachtet werden. Die Aktiven tragen besondere Handschuhe, die für mehr Griffigkeit sorgen und Blasen an den Händen verhindern. Wird die Fahne geworfen, ist gutes Timing nötig. Problematisch wird es bei Auftritten im Freien, wenn böiger Wind weht. "Dann kann man nur einfache Sachen machen", sagte der Fahnenschwinger, der bisher nur kleine Missgeschicke, aber immerhin auch schon einen Kopftreffer zu vermelden hat. Mit Blick auf die Großfahne von 2,70 Metern Länge, die Fiehöfer genau wie die kleineren Modelle kunstvoll durch die Luft schweben lässt, erscheint das durchaus bedenklich. Denn sie wiegt rund zehn Kilogramm, was auch deutlich macht, das gute Muskeln gefragt sind. "Es sind nur zehn Prozent Kraft, der Rest ist Technik."

Die Kleidung der Schönburger Fahnenschwinger wurde anhand einer historischen Darstellung auf einem Kupferstich aus dem 16. Jahrhundert entworfen. Sie ist aus Leder und laut Fiehöfer eigentlich bequem. Nur wenn im Sommer die Sonne auf das schwarze Leder scheint, wird die ganze Sache schnell zu einer schweißtreibenden Angelegenheit. Doch trotz aller Tradition darf es bei den Auftritten auch modern sein, zum Beispiel, wenn Fahnen in leuchtenden Farben bei Dunkelheit und Schwarzlicht zum Einsatz kommen.

Nicht nur beim Entwurf der Uniformen, sondern auch wenn es um die Techniken der Fahnenschwinger geht, kramen die Aktiven gern in der Vergangenheit. "Es gibt Lehrbücher aus dem 16. oder 17. Jahrhundert. Es ist hoch interessant", berichtet Andreas Keller, Vorsitzender des Vereins "Die Schönburger".

Zum Verein gehören rund 30 Mitglieder im Alter von zehn bis 60 Jahren. Pro Jahr gibt es rund 30 Auftritte. Trainiert wird mittwochs sowie nach Absprache auch sonntags in der Sporthalle "Am Rosarium" in Glauchau. Hier findet dienstags auch eine Schüler-AG statt. "Für den Nachwuchs ist es gut, dass es schnell Erfolgserlebnisse gibt", sagt Vereinschef Andreas Keller.


Die Ersten in Sachsen

Die Fahnenschwinger "Die Schönburger" gründeten sich 2001 und dürfen sich zurecht als die ersten sächsischen Fahnenschwinger bezeichnen. Derzeit gibt es nur in Plauen noch eine weitere, recht junge Formation. In Baden-Württemberg und in einigen Teilen Nordrhein-Westfalens ist das Fahnenschwingen weiter verbreitet, allerdings auch längst nicht so bekannt wie zum Beispiel in der Schweiz oder in Italien.

Mit viel Trainingseinsatz schafften es die Schönburger binnen weniger Jahre, die Konkurrenz bei Meisterschaften hinter sich zu lassen. Deutsche Meistertitel in verschiedenen Disziplinen und die Ausrichtung der Deutschen Meisterschaft in Glauchau im Jahr 2006 waren Höhepunkte im Vereinsleben. Allerdings gestaltete sich das Miteinander mit den "Alteingesessenen" aus den alten Bundesländern zunehmend schwierig, sodass man sich später von den Wettkämpfen wieder zurückzog.

Die "Ersten sächsischen Fahnenschwinger" dürfen alle Fahnen mit den Wappen der acht Partnerstädte Glauchaus präsentieren. Seit dem vergangenen Jahr gehört auch die der jüngsten Glauchauer Partnerstadt Lynchburg (Bundesstaat Virginia in den USA) zum Programm. (mpf)

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