Forscher beleben den O-Bus

An der Westsächsischen Hochschule entwickeln Wissenschaftler zwei neue Andraht-Systeme für Oberleitungen. Sie geben Verkehrsbetrieben mehr Freiheit.

Zwickau.

Es gibt in Zwickau jetzt fast genauso lange keinen Elektrobus mehr wie vorher solche Transportmittel in Betrieb gewesen sind - gut 40 Jahren. Jetzt aber gibt es wieder einen in der Stadt: Er rollt ganz leise, ganz sauber - und unbemerkt von nahezu allen Zwickauern.

Der Bus ist Teil eines Forschungsvorhabens der Westsächsischen Hochschule Zwickau (WHZ). Aus diesem Grund kurvt er auch nur über die Teststrecke, die extra für Professor Matthias Thein, seine Studenten und seine Mitarbeiter auf dem Scheffelberg angelegt wurde. Es könnte die Geburt einer neuen Generation von Oberleitungsbussen sein. Doch bis diese ihren Dienst aufnehmen, wird noch einige Zeit ins Land gehen, sagt der Professor für Kfz-Technik.

Sein Team forscht seit Jahren an einer Technologie, die es Batterie-Oberleitungsbussen ermöglicht, die Stromabnehmer-Stangen nicht nur von der Oberleitung automatisch abzusenken, sondern ebenso automatisch wieder anzulegen. Dazu arbeiten die Wissenschaftler an zwei Varianten: Bei einer kann nur im Stand angedrahtet werden - dieses System passt zu bereits bestehenden Oberleitungsnetzen und funktioniert recht gut. Eine zweite Variante, die sich noch in der Entwicklung befindet, soll das Andrahten auch während der Fahrt möglich werden. Dazu braucht es aber andere Oberleitungen - damit ist das System nur für Neubaustrecken geeignet.

Interessenten für die Zwickauer Forschungen sitzen unter anderem in Solingen. "Wir haben uns mit den Solingern unterhalten: Die möchten gern ihre gesamte Busflotte dieselfrei machen", sagt der Professor. Für O-Busse spricht dabei, dass sie regional abgasfrei fahren. Dagegen spricht, dass auch schöne alte Innenstädte verkabelt werden müssten. Mit der Zwickauer Entwicklung wäre das nicht mehr nötig. Die Solinger Busse fahren bereits teils ohne direkten Kontakt zur Stromversorgung. Das Wieder-Anfädeln der Stromabnehmer funktioniert dabei mit zwei trichterähnlichen Führungshilfen - das kostet Zeit und verlangt hohe Aufmerksamkeit vom Busfahrer.

Bis zum Sommer, sagt Matthias Thein, sollen die ersten Zwickauer Prototypen fertig sein. Auf Herz und Hirn geprüft werden sie dann dort, wo bereits solche Busse im Einsatz sind. Denn die Technik ist kompliziert, die Zahl möglicher Fehler deswegen hoch. Das System soll selbstständig erkennen, wo die Leitungen verlaufen, und es soll die Stromabnehmer pneumatisch oder elektrisch passgenau zu den nur einen Zentimeter breiten Leitungen führen. Und das in nahezu jedem Anlauf: "Verkehrsbetriebe erwarten eine Einsatzfähigkeit ihrer Fahrzeuge, die bei über 95 Prozent liegt", sagt der Professor.

Ob der Prophet im eigenen Land etwas gilt - das wird die Zeit zeigen. "Wir hatten vor zwei Jahren schon vorgeschlagen, eine kurze Pendelstrecke für Batterie-Oberleitungsbusse zwischen Hauptmarkt, Neumarkt und Bahnhof einzurichten", verrät Thein. Das sei aber wohl zu knapp gewesen - nur einen Monat später entschied sich der Stadtrat für den Umbau des Bahnhofsvorplatzes samt Umgestaltung der Straßenbahnverbindung. Deswegen tritt das Team aus Kfz-Techniker, Elektrotechnikern und Informatikern aber nicht auf die Bremse. In einer neu errichteten Halle verfeinern sie ihr Andocksystem an einem Bus, der extra für diesen Zweck mit elektrischen Radnabenmotoren und Batterien ausgestattet wurde. Dass es das System, sollte es serienreif sein, nicht leicht haben wird, ist Matthias Thein klar. "Derzeit kostet ein Elektrobus zwei- bis dreimal so viel wie ein Dieselbus. Aber er hat mit rund 20 Jahren auch fast die doppelte Einsatzdauer." Das Ende der O-Busse in Zwickau hält Matthias Thein deswegen noch nicht für besiegelt.

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