Geduld löst rasantes Tempo ab

... Frank Wendler? Die DDR-Rennfahrer-Ikone aus Bernsdorf legt gerade eine motorsportliche Zwangspause ein. Doch ein Siegertyp gibt nicht auf.

Bernsdorf.

Frank Wendler steigt vom Ergometer. Das Sportgerät steht in seiner Rennsport-Erinnerungsecke vor dem Regal mit etlichen Pokalen. "Von hier aus kann ich beim Trainieren gut fernsehen, Rennsport oder Tour de France", sagt der 73-Jährige. Dann macht es sich der Bernsdorfer eine Etage tiefer in der Diele in einem Sessel vorm Kamin gemütlich und plaudert.

Der alte Rennsport-Haudegen, in den 70er-Jahren für seine draufgängerische Fahrweise am Sachsenring ebenso bejubelt wie ein Dieter Braun, geht es heute langsamer an. Nicht, weil er das will, sondern muss. "In der Jugend war ich Turner in Lichtenstein, da habe ich mir mal eine schwere Wirbelsäulenverletzung zugezogen. Und später bei einem Motorradrennen einen Genickbruch. Da gibt es viel zu reparieren." Vor ein paar Jahren begannen die Probleme. 2015 das künstliche Knie, 2016 mussten zwei Halswirbel ersetzt werden. Wendler hat Nehmerqualitäten, inzwischen geht es wieder aufwärts: "Motorradrennen fahren und alt werden, das ist eben beides nichts für Feiglinge." Man müsse Geduld aufbringen, und das fällt dem viermaligen DDR-Meister im Straßenmotorradrennsport besonders schwer. "Da muss mich meine Frau manchmal ausbremsen", sagt er. Nichts scheint ihn so anzustrengen wie das Nichtstun. Im Moment schraubt er eben nicht an Motoren. "Ich mache mal hier und da etwas am Haus oder im Garten. Es wird noch ein Weilchen dauern, bis ich wieder fit bin."

2014 heizte er noch im Classic-Sidecar mit Copilot André Krieg über die Pisten. Im Moment kramt er jedoch, was den Rennsport anbelangt, eher in Erinnerungen. "Wir haben noch alte Videos von Rennen, die sehen wir uns manchmal an, wenn mich Freunde besuchen. Dann reden wir natürlich über früher und die verpasste WM-Chance." Als der heimatverbundene Sachse 1966 als Ausweis-Fahrer in der 250ccm-Klasse seine Karriere begann, wagte er kaum davon zu träumen, einmal mit den ganz Großen um WM-Punkte zu fahren. Es war 1973, als ihn die MZ-Leute fragten, ob er nicht auf einem ihrer Werksmotorräder starten will. Weil er die Starteigenschaften seiner Einzylinder-Maschine gewöhnt war, startete er als Letzter. Doch dann servierte er den MZ-Gewaltigen eine Aufholjagd. Wendler ging durch das Starterfeld wie das heiße Messer durch die Butter. Am Ende holte er Platz drei.

Plötzlich hieß es: Wendler wird für MZ die europäischen Motorrad-WM-Läufe auf der 250er bestreiten. Im Frühjahr 1974 wurde für die Tests ein Teilstück der A 4 zwischen Karl-Marx-Stadt und Wüstenbrand gesperrt. Dann Entsetzen unter den Motorsportfans vom Sachsenring: Wendler fehlte im Feld der WM-Starter. Der Grund: Der Bericht eines IM. "Der Stasi-Spitzel hatte in seinem Bericht geschrieben, ich würde nicht wieder zurückkommen, wenn man mich zum Rennen ins kapitalistische Ausland reisen lassen würde", erinnert sich Wendler, der die Behauptung als Blödsinn abtut. "Der Mann hat mir damit aber meine Karriere versaut." Das beschäftigt den 73-Jährigen noch heute. "Ich muss gestehen, ein bisschen hängt mir die Geschichte noch an." Nach der Wende hatte er sofort seine Stasi-Akte angefordert. "Seitdem weiß ich, wer es war. Das ist ja das Schlimme. Es war ein Kerl wie du und ich, mit dem man ganz normal reden konnte." Andererseits misst er der Geschichte nicht mehr solche Bedeutung bei. "Damals war MZ längst auf dem absteigenden Ast." Viel hätte er nicht mehr reißen können. Trotzdem: Plötzlich stand er ohne Motorrad da.

Die Macher in Hohenstein-Ernstthal versuchten, für das Sachsenringrennen 1974 eine Werksmaschine in Zschopau aufzutreiben. Es sollte Wendlers letzter Einsatz auf einer Werks-MZ werden. Der Sachsenringliebling fuhr damals im Rennen der 250er einen grandiosen Sieg ein. Und er spricht auch gern von der Zeit danach, seinen vier DDR-Meistertiteln, der Zusammenarbeit mit Motorenspezialist Hartmut Bischoff oder dem Rennen 1975, bei dem er als Zweitplatzierter wie der Gewinner gefeiert und der Sieger ausgepfiffen wurde. Oder dem Job als Fahrsicherheitsinstruktor im VSZ Sachsenring. Heute hängt das Herz der DDR-Rennfahrer-Ikone an einem Windle-Yamaha TZ 750-Gespann aus dem Jahr 1976, mit dem er zuletzt die Classic-Rennen bestritt. Ob er die Maschine noch einmal über den Sachsenring treibt? Manchmal juckt es ihn schon in der Gashand. "Aber im Moment ist die Gesundheit wichtiger. Erst mal fit werden, dann werden wir weitersehen. Das Gespann ist immer noch fahrbereit."

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