Geschichten von der Heimat

Die Grünen haben mit Katrin Göring-Eckardt eine ihrer bekanntesten Politikerinnen nach Zwickau gelotst. Das Ergebnis: Ein Gesprächsabend, der immer wieder um eine einzelne Frage kreist.

Zwickau.

Es dauert nur ein paar Minuten, bis die Diskussion zerfasert. Eigentlich wenig überraschend, wenn man sich wie die Grünen in Zwickau ein so abstraktes Thema für einen Gesprächsabend aussucht. "Heimat im Umbruch" lautet das Motto. Die Heimat sucht man im Gespräch dann irgendwo zwischen Nahverkehr und Anekdoten über Begegnungen mit Menschen in der Region. Und immer wieder zu spüren ist, dass die Anhänger der Grünen zurzeit vor allem eine Frage umtreibt: Wie mit Menschen reden, die nicht mehr mit sich reden lassen wollen? Vielleicht aber stiftet auch diese Frage ein Stück Heimat.

Es ist ziemlich große Parteiprominenz, die sich an diesem Mittwochabend vor 35 Zuhörern im katholischen Gemeindezentrum am Dr.-Friedrichs-Ring zum Gespräch stellt. Damit ist man in guter Gesellschaft. Der CDU-Ministerpräsident ist in der Region seit seinem Amtsantritt fast im Dauerdialog mit den Westsachsen, die SPD schickt bisweilen einen Küchentisch samt dessen Inhaber vorbei, der gleichzeitig Parteichef ist. Die Grünen haben nun ihre Fraktionschefin im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, und ihre Spitzenkandidatin für die Landtagswahl, Katja Meier, aufgeboten. Wobei Meier für die Heimatdiskussion einen klaren Heimvorteil hat: Sie ist in Zwickau aufgewachsen und zur Schule gegangen.


Doch wo liegt nun die Heimat, und was soll man mit ihr anfangen? Wer gehört dazu und wer nicht? Fragen, auf die es keine richtigen Antworten gibt. Entsprechend schnell ist man thematisch bei Verkehrsverbünden und Sozialtickets angelangt, bei Elektroscootern, dem Syrien-Krieg und der Energiewende. Hat alles irgendwie mit Heimat zu tun, und irgendwie kommt das Gespräch auch immer wieder darauf zurück. Meier droht mehrfach in den allseits gefürchteten Politiker-Monolog abzugleiten, kommt auf Verkehrspolitik zu sprechen, auf Verkehrsverbünde, Sozialtickets und Straßenbau. Göring-Eckardt gibt die routiniertere Vorstellung ab. Sie sucht ihre Antworten in Anekdoten, erzählt im Plauderton immer wieder von Begegnungen, die sie in den vergangenen Tagen mit Menschen hatte, mit freundlichen sächsischen Polizisten und mit Car-Sharing-Betreibern in einem Dorf, mit einer Zahnärztin auf dem Land und einer Bürgerinitiative gegen Stromtrassen. Es sind positive Beispiele, die zeigen sollen, dass sächsische Heimat mehr Gesichter hat als das von Pegida in Dresden. "Mit der Heimat", sagt Göring-Eckardt irgendwann, "ist es wie mit Verwandten. Mann kann sie sich nicht aussuchen." Sie solle aber auch für Fremde offen sein.

Diejenigen Fragesteller an dem Abend, die den Grünen nahe stehen, darunter mehrere Kandidaten für die anstehenden Kommunalwahlen, interessiert vor allem eines: was sich gegen die Verbreitung von Fake-News machen lässt, was gegen Alltagsrassismus, wie sich Leugner des Klimawandels überzeugen lassen. "Im persönlichen Gespräch mit Argumenten dagegenhalten", sagt Göring-Eckardt. Dann muss sie aber an die Verwandten denken und schiebt hinterher, dass man natürlich abwägen müsse, ob man den Familienfrieden gefährden will, wenn auf der Familienfeier die Großtante zum antidemokratischen Rundumschlag ausholt.

Veranstaltungen wie diese kranken oft daran, dass sich Publikum und Redner so einig sind, dass keine Debatte zustande kommt. An diesem Abend ist das nicht so. Mit einem Besucher muss Göring-Eckardt zeitweise streiten, auch das Publikum mischt sich auf ihrer Seite ein. Es sind die muntersten Momente der knapp zweistündigen Veranstaltung. Und möglicherweise eine Antwort auf die Frage des Abends. Vielleicht ist Heimat dort, wo man sich zumindest zeitweise einig wird.

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