Geschichtsunterricht mit Pfiff

Zum historischen Markttreiben hat es Tausende Menschen in die Zwickauer Innenstadt gezogen. Diebekamen viel für Auge und Ohr geboten - und fürdie Zunge.

Zwickau.

Es riecht intensiv süß. Zumindest auf dem Kornmarkt. Ein paar Dutzend Schritte weiter weht einem schon ein anderes Aroma um die Nase. Außerdem klingt einem der helle Ton von Hämmern, die auf Metall treffen, in den Ohren. Jedenfalls solange, bis irgendwo ein Leierkasten seine Melodie anstimmt.

Ein Spaziergang über Domhof, Korn- und Hauptmarkt in Zwickau glich am Wochenende nicht nur einer Reise durch die Welt der Sinne,vor allem sollte er eine Reise in unterschiedliche Epochen sein - so, wie man es vom Historischen Markt gewohnt ist. Wer sich Zeit für Gespräche ließ, der konnte auch noch das eine oder andere Wissenswerte aus der Geschichte erfahren.

Ewig junge Tradition: Mit scharfen Messern hantieren Mario Menden und sein Sohn Michael auf dem Domhof. Sie nehmen einfach ein Stück Holz zur Hand und schneiden dann alles weg, das nicht zu einem Baum gehört. Doch Scherz beiseite, die beiden Mitglieder des Schnitzvereins Cainsdorf zeigen, womit sich beispielsweise die erzgebirgischen Bergmänner im Winter die Zeit vertrieben haben. Das ist das, was Mario Menden über die Geschichte weiß. Deswegen verbindet man Schnitzereien auch eher mit Spielzeug und Dekoration als mit Gebrauchsgegenständen.

Heutzutage ist das anders. "Bei uns im Verein schnitzt jeder, was er will und was er gut kann", sagt der Vater, dessen Vater schon zu den Messern gegriffen hat. Und weil er seinen Sohn immer zum Schnitzzirkel gebracht hat, fing er eines Tages auch damit an. Auf diese Weise bleibt eine alte Handwerkskunst jung. Das beweisen auch die zehn Kinder, die sich regelmäßig im Schnitzverein treffen.

Doppeltes Welterbe: Während die Schnitzer im Schatten des Domes aus Holz wieder Bäume machen, wandelt ein historisch gekleidetes Paar vorbei. Der junge Mann trägt Vogelkäfige auf seinem Rücken - und zieht die Blicke auf sich. Verfolgt man die beiden, landet man auf dem Hauptmarkt bei Nele Jakob. Die hat nicht nur einen Vogel - sondern einen ganzen Stand davon. Die Drechslerin aus Kirchberg stellt freche, schräge und niedliche Vögel her, manch einer ihrer Stammkunden hat sich schon eine ganze Schar zusammengekauft. Die Verkäuferin selbst ist übrigens etwas Besonderes, repräsentiert sie doch gleich doppelt das Weltkulturerbe: Zum einen lebt sie am eben in die Liste aufgenommenen Hohen Forst, zum anderen gilt das Drechseln seit dem vergangenen Jahr als immaterielles Welt-erbe, als eine Kunst also, die es zu bewahren gilt. Übrigens: Nicht nur das Drechseln hat eine lange Geschichte, auch das Verhältnis zu Vögeln. Ein Zeitungsausschnitt aus dem Jahr 1925 an ihrem Stand macht das deutlich: Vögel dienten als Sänger, als Speise und als Anzeiger für schlechte Wetter im Bergwerk.

Scharfe Sache: Die erste Vorführung von Kurzfilmen fand 1895 im Berliner "Wintergarten" statt. Die Vorstellungen auf dem Zwickauer Kornmarkt sind nicht ganz so edel - man muss in einen Wohnwagen klettern zum Filmgucken. Dafür aber bekommt man eine Auswahl von Christian Funkelfix' liebsten Preciosen, die der Sammler über die Jahre zusammengetragen hat. Außerdem reicht er Popcorn dazu -etwas, das die Berliner damals nicht bekommen haben. Und der junge Christian zu DDR-Zeiten auch nicht. "Heute gehört das eben dazu", sagt er. Obwohl er es gar nicht mag. Er serviert es deshalb mit einer Auswahl an Gewürzen. So bekommt der aufgeblasene Mais wenigstens Pfiff. Und was mit Mais funktioniert, funktioniert auch mit Zuckerwatte. Hanz Dampf aus Augustusburg lässt die Kinder selbst Zuckerwatte herstellen - und nachwürzen. Beispielsweise mit Curry oder Zimt. Schmeckt gut. Wieder was gelernt.

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