Irrfahrt ins Glück

30 Jahre Wende Wie erlebten Menschen in unserer Region diese Zeit? Heute: Wolfram Heintze aus Wolfersgrün, der 1989 endlich seine Schwestern besuchen durfte. Ein Ex-Häftling half ihm dabei.

Kirchberg.

Jahrelang war die Familie Heintze aus Kirchberg durch den Bau der Mauer getrennt. Zwei Schwestern des heute 78-jährigen Wolfram Heintze lebten nach ihrer Flucht aus der DDR Mitte der 50er-Jahre in Süddeutschland. Die Mutter folgte ihnen, als sie Rentnerin wurde. "Ich blieb hier, denn ich hatte inzwischen eine Familie, und es war nie mein Ziel, die Heimat zu verlassen. Sich hier zu behaupten, wo es möglich war, etwas zu verändern, mitzuhelfen, das Leben menschenfreundlicher zu machen, und vielleicht zu grundlegenden Veränderungen beizutragen, das stand für mich im Vordergrund", erinnert sich der Bergbauingenieur.

Vergeblich bemühte er sich jahrelang darum, seine Familie zu besuchen. Noch im Jahr vor der Wende sagte ihm sein Chef, der Direktor eines sozialistischen Großbetriebes: "... und wenn deine Alte verreckt, du kriegst nie eine Genehmigung!" Die Nachricht am Abend des 9.November 1989 - Reisefreiheit ab sofort - war deshalb ein unglaublicher Moment für den Wolfersgrüner. "Die Menschen tanzen auf der Mauer...", rief seine Frau, die die halbe Nacht die Nachrichten verfolgte. An Schlaf war nicht mehr zu denken.

Pflichtbewusst erschien er dennoch am folgenden Tag vor seiner Fachschulklasse, die er unterrichten sollte. Doch die war nur zu zwei Dritteln angetreten. Nach zwei Stunden beugten sich alle dem Lärm auf der Straße und der aufgeregten Stimmung. Zu Hause angekommen, lag da ein Zettel seiner Tochter auf dem Tisch. "Ich komme um 14 Uhr aus der Schule, und wenn du dann noch da bist, bist du bei mir unten durch!!! Deine Babsi."

Problematisch wurde das Betanken des Autos. Lange Schlangen an den Tankstellen - das Benzin würde nicht reichen für die Fahrt. Doch als DDR-Bürger war man auf diverse Engpässe eingestellt und hatte für den Notfall einen Kanister mit Katalyt bereitstehen. "Ein Zweitakter - mit entsprechender Ölmenge - war mit diesem Kraftstoffgemisch einverstanden", so Heintze.

Die Strecke zum Grenzübergang bei Schleiz war ihm bekannt, da er seine Schwestern nach Besuchen bis dahin begleitet hatte, allerdings in gebührendem Abstand vor der Grenze umkehren musste. Als er gegen 15 Uhr in der Nähe des Überganges ankam, stand Auto an Auto. Menschen mit Arbeitsbekleidung, junge tanzende Leute, Familien mit Kleinkindern - es herrschte eine ausgelassene Stimmung. Gegen 20Uhr überschritt er erstmals die Grenze. Eine enge Gasse, Sperren, der Schlagbaum, davor das Häuschen mit dem Wachpersonal. Der Ausweis, ein letzter Stempel, und der Schlagbaum hob sich. "Mir kamen die Tränen", so Heintze. An der Fahrbahn standen viele Menschen und riefen begeistert: "Willkommen - willkommen in Deutschland."

Sein Ziel war der Wohnort seiner Mutter nahe Stuttgart. In Nürnberg hatte er keinen Hinweis auf "Stuttgart" erkennen können und landete so auf einem Parkplatz in Richtung München. Neben ihm stand ein Reisebus mit Jugendlichen. Im Nu war sein Wartburg umlagert und wurde mit Interesse betrachtet. Der Busfahrer hatte eine Karte und half. Mit inzwischen fast leerem Tank fuhr er mit 20 D-Mark eiserner Reserve an die Raststätte "Frankenhöhe". Es reichte für Benzin und ein Telefonat mit seiner Schwester. Diese meinte: "Es war völlig klar, dass du heute kommst, mein Kleiner."

Doch als er losfahren wollte, funktionierte das Licht nicht mehr. Alles Werkeln und Probieren blieb erfolglos. Neben ihm parkte ein großer Pkw-Kombi. Der freundliche Fahrer versuchte zu helfen - erfolglos. "Er fragte mich, weshalb ich heute unterwegs sei. Die Frage machte mich fassungslos." Heintze erklärte ihm, dass er Mutter und Schwestern besuchen wolle. Ob er denn nicht wisse, dass die Grenzen geöffnet wurden? Der Mann schwieg, erkundigte sich dann aber, wo seine Angehörigen wohnten. Das sei ganz in seiner Nähe, sagte er schließlich und schlug vor, vorauszufahren. Heintze sollte in möglichst kurzem Abstand folgen. Die Fahrt war anstrengend - die grellen roten Rückstrahler und die nötige Konzentration, um nicht aufzufahren ... Gegen 2 Uhr kamen sie endlich an. Mutter und Schwestern begrüßten den Ostdeutschen stürmisch. Der Helfer in der Not stand schweigend dabei. Heintze bedankte sich herzlich bei ihm. "Für Sie freue ich mich, dass die Grenze offen ist und Sie reisen dürfen", sagte der Mann. "Aber mir tut es weh, dass heute auch meine Peiniger reisen dürfen. Ich war jahrelang in Bautzen inhaftiert und wurde von der BRD freigekauft." Worte, die Heintze, der nach der Wende und bis zur Pensionierung als Sicherheitsinspektor beim sächsischen Wirtschaftsministerium angestellt war, bis heute nicht vergessen kann.

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