Jungs lernen zu reden - ohne Worte zu benutzen

Der Girls' Day erlebte an der Westsächsischen Hochschule seine gleichberechtigte Erweiterung - zur Freude der vermeintlichen Mädchen-Fächer.

Zwickau.

Die Jungs schreien sich an, dass es auf dem gesamten Gang widerhallt. So benimmt man sich eigentlich nicht in einer Hochschule, aber sie haben keine Wahl: Zwei aus ihrer Mitte sind kurzzeitig gealtert. Sie verstehen kein normal gesprochenes Wort mehr.

Das erste Mal hat sich die Westsächsische Hochschule Zwickau am gestrigen Donnerstag am Boys' Day beteiligt - am Jungen-Zukunfts-Tag. Für Mädchen gibt es solch eine Veranstaltung schon lange. Sie soll ihnen die Scheu vor angeblich typischen Männerberufen nehmen. Autowerkstätten oder Einrichtungen, die Ingenieure ausbilden, nehmen traditionell an diesem Tag teil. Inzwischen ist man dahintergekommen, dass zur Gleichberechtigung auch gehört, Jungs auf Berufe neugierig zu machen, in denen bislang hauptsächlich Frauen ihr Geld verdienen. "Es soll ja jeder die gleichen Chancen haben", sagt Ina Bochmann aus der Fakultät für Gesundheits- und Pflegewissenschaften. Sie hilft gerade dabei, aus einer Gruppe Achtklässlern eine richtige Rentner-Gang zu machen. Die blitzschnell gealterten Herren kurven mit Rollatoren über den Flur, ecken gelegentlich an und stöhnen unter der Last des Alters. Die kommt von speziellen Anzügen, die deren Träger das Gefühl geben, alt zu sein: schwere Füße zu haben, den Kopf nicht mehr drehen zu können, nicht mehr so gut zu sehen. Und nicht mehr viel zu hören.

Torsten Kleditzsch

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Das ist kein Spaß. Immerhin sind die Achtklässler des Zwönitzer Matthes-Enderlein-Gymnasiums bei den Pflegewissenschaftlern. Von Dekan Christian Pihl erfahren sie, was solch ein Studium mit sich bringt. Und welche Wege es eröffnet - von Pflegeeinrichtungen über Krankenhäuser und Ämter hin zu Ministerien. Am Krankenbett steht man nach solch einem Studium nicht, sagt der Professor. "Aber es ist gut, wenn man die Erfahrung schon hat." Die sammelt man etwa in Praktika, man kann aber auch in einen Altersanzug schlüpfen. "Wer beispielsweise Pflegeheime plant, sollte die Bedürfnisse älterer Menschen schon kennen", sagt Ina Bochmann.

Gleich nebenan sitzt eine Gruppe von Jungs aus unterschiedlichen Schulen. Sie haben die Erfahrung des Alterns schon hinter sich und lernen gerade, wie groß die Welt ist. Michaela Rusch ist Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Fakultät Angewandte Sprachen und Interkulturelle Kommunikation. Sie berichtet davon, was es heißt, eine Sprache zu beherrschen. Denn das wörtliche Übersetzen ist nur die eine Seite der Medaille. Auch kulturelle Gepflogenheiten und Gesten muss man kennen. So sind die Schüler aufgefordert, sich gegenseitig zu begrüßen - ohne Worte, dafür mit Gesten aus unterschiedlichen Ländern. Eigenartig zu beobachten, wie sich der eine etwas steif verbeugt, während der andere ihm die Hand entgegen reckt.

Den Blick weiten - das ist nicht nur die Aufgabe des Boys' Day, sondern das schafft auch das Erlernen einer Fremdsprache. So wird an diesem Vormittag auch über Auslandssemester gesprochen und darüber, wie man sich in europäische oder gar weltweite Projekte einbringen kann. Und das können Jungs ebenso gut wie Mädchen. Allerdings gehören die Sprachwissenschaften zu den Disziplinen an der WHZ, in die sich deutlich mehr Mädchen einschreiben. Wieso eigentlich? Michaela Rusch nennt traditionelle Rollenbilder als einen Grund. Und sie sagt: "Die Frage ist nicht, wie schwer es einem fällt, eine Sprache zu lernen, sondern wie attraktiv es ist." Dabei meint sie Verdienstmöglichkeiten und Anerkennung.

Diese Bemühungen, den Blick zu weiten, gelten nicht nur für die Sprachwissenschaft. Auch bei den Gesundheits- und Pflegewissenschaften schreiben sich mehr Mädchen als Jungen ein. Dabei könne auch ein Mann seine Berufung in diesem Feld finden, sowohl vom Pflegerischen her als auch vom Sozialen. "Man darf den jungen Leuten bei der Berufswahl viel mehr zumuten."

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