Keine Chance gegen Karl-Marx-Stadt

Zwickau.

Im Jahr 1946 schien das Ende des "Lindenhofes" gekommen zu sein, denn der Brand des Hauses in der Nacht vom 2. zum 3. Januar vernichtete dessen Ausstattung. Sämtliche Requisiten, die Bühnenbilder, die Kostüme, die Musikinstrumente, die Arbeitsmittel - alles war zerstört. Aber aufgeben galt nicht! Innerhalb von etwa 14 Tagen konnten mithilfe der Zwickauer Handwerkerschaft viele der Kostüme und Requisiten neu hergestellt oder ersetzt werden. Und die Zwickauer Bürger halfen ihrem "Lindenhof". Schon ab 16. Januar 1946 spielte das Ensemble auf kleinen Bühnen in der Umgebung.

Es grenzt an ein Wunder, dass der "Lindenhof" bereits am 1. September 1950 wieder seine Pforten öffnen konnte. Aber mit welchen Anstrengungen! Der Zwickauer Architekt Hans Barthel erhielt von der Vereinsbrauerei Zwickau den Auftrag, das Varieté wieder aufzubauen. Ein Eigentümerwechsel des Varietés zum Kommunalen Wirtschaftsunternehmen (KWU) Zwickau im Herbst 1949 (später ab 1. September 1952 in städtisches Eigentum) ermöglichte die Fertigstellung des Baus trotz Materialmangels.

Zur Eröffnung am 1. September 1950 waren zahlreiche Ehrengäste, darunter Vertreter der sächsischen Landesregierung, der Stadtverwaltung Zwickau und der sowjetischen Kommandantur, sowie zahlreiche Bauarbeiter eingeladen.

Der Haupteingang mit einem Vorbau war von der Marienthaler Straße in die Luisenstraße verlegt worden. Im Vestibül befanden sich die beiden Kassen und die Garderoben für die Gäste im Parkett. Hier standen Vier- und Sechs-Personen-Tische. Kellner und Serviererinnen brachten die Getränke und Speisen an den Platz. Durch mehrere Türen gelangte der Besucher über ein großes, zweizügiges Treppenhaus in das obere Vestibül mit den beiden Seitenrängen und dem neu geschaffenen Mittelrang. Von allen Sitzen (in das Varieté passten 1100 Besucher) aus hatte der Zuschauer eine ausgezeichnete Sicht, denn es gab im Saal keine störenden Stützen. Die Bühne hatte eine Größe von 250 Quadratmetern. Nach der Fertigstellung der Hinterbühne im August 1951 verfügte die Bühne über eine Fläche von 370 Quadratmetern.

Im Sommer 1953 verließ Direktor Fritz Berger, dem die politische Entwicklung in der DDR suspekt war, das Varieté "Lindenhof" und kehrte nach Wien zurück. Ihm folgte Manfred Schürer als neuer Direktor, der im Oktober 1959 mit seiner Familie in die BRD übersiedelte. Danach übernahm Erich Linke als neuer Direktor die Leitung des Varietés.

Bis 1961 bot der "Lindenhof" mit seinen zum Teil international besetzten Programmen mehr als 100.000 Menschen Freude und Entspannung vom Alltagsleben. An dieser Stelle sei an die schwedische Eisrevue, die Zauberrevue "Kalanag" aus der BRD, komplette Zirkusprogramme (die große Bühne vertrug sogar den Auftritt von Elefanten), die Revuen, Kinderweihnachtsfeiern und die ausverkauften Gastspiele bekannter Künstler erinnert. Es gastierten die Sänger Bully Buhlan, Fred Frohberg und Gerhard Wendland, der Clown Charlie Rivels, der Ufa-Star Lilian Harvey und die Schauspielerinnen Evelyn Künnecke und Lucie Englisch. Weiterhin seien hier Peter Igelhoff, Nuk, Sylvester Schäffer jun., Leila Negra, Wolfgang Sauer, Peppi Zahl, Fred Gigo, Lutz Jahoda, Susi Schuster, das Komikerduo Eberhard Cohrs (der "Kleene") und Horst Feuerstein, Greta Bölkow, Corny, Reni und Günter Groicher (die letztgenannten Fünf alle aus der Zwickauer Region stammend), Harald Nielsen und Lou van Burg genannt.

Als Titel für das Programm im Februar 1961 mit Eberhard Cohrs und Horst Feuerstein hatte die künstlerische Leitung "So lacht Zwickau!" gewählt. Das voll besetzte Haus bebte vor Lachen über die Rededuelle, die sich die beiden auf der Bühne lieferten.

Es gab aber auch Tage, an denen im "Lindenhof" leisere Töne erklangen. Einer war der 27. Februar 1960, ein Sonnabend, als anlässlich eines Staatstraueraktes der 123 Toten und Vermissten der Grubenkatastrophe im VEB Steinkohlenwerk "Karl Marx" vom 22. Februar gedacht wurde. Der Ministerpräsident der DDR, Otto Grotewohl (1894-1964), fand während seiner Trauerrede die richtigen Worte für die Hinterbliebenen. Der Regierungsdelegation gehörten unter anderem der Präsident der Volkskammer Johannes Dieckmann (1893-1969) und der Präsident des Nationalrates der Nationalen Front, Erich Correns (1896-1981), an. Die Trauerfeierlichkeiten wurden im Rundfunk der DDR übertragen.

Im Mai 1961 verabschiedete sich die Direktion des "Lindenhofes" von ihren Zuschauern: "Uns war es auch in dieser Spielzeit gelungen, hervorragende internationale Spitzenkräfte zu verpflichten. Artistik ist international und völkerverbindend, sie kennt keine Grenzen, und sie kann wie jede andere Kunstgattung nur im Frieden gedeihen." Am 13. August 1961 geschah das Gegenteil, die Grenze zwischen der BRD und der DDR wurde nahezu undurchdringlich. Die Künstler aus den westlichen Ländern blieben aus. So musste Direktor Erich Linke im Dezember 1962 feststellen, dass die Besucherzahlen weiter sanken und die Rentabilität des Varietés infrage stand.

Schon während der Zusammenkunft des Bezirkstages am 11. Dezember 1956 sagte der Abteilungsleiter für Kultur beim Rat des Bezirkes Karl-Marx-Stadt: "Wir sind der Meinung, dass wir uns nicht mehr länger damit zufrieden geben können, dass die Bezirksstadt bis heute ohne Varieté ist, obwohl die Bevölkerung von Karl-Marx-Stadt eine solche Einrichtung fordert." So war die kulturpolitische Entwicklung vorgegeben, denn es sollte der Anfang des langsamen Niedergangs des "Lindenhof"-Varietés sein. Am 15. Februar 1957 erhielt die Bezirkshauptstadt Karl-Marx-Stadt im "Kulturpalast" in Siegmar (Eigentümer war die SDAG Wismut) ein eigenes Varieté. Die Existenz dieser Kulturstätte in der Bezirkshauptstadt reduzierte zwangsläufig die Zuschauerzahl in Zwickau. In einem Karl-Marx-Städter "Kulturpalast"-Programm schrieb man im Jahre 1967 rückblickend: "In Zwickau gab es das ,Lindenhof'-Varieté. Die artistischen Programme in diesem Hause übten eine große Anziehungskraft aus, denn sie waren voller Abwechslung, hatten künstlerisches Niveau, und die dekorative Ausstattung erfreute neben den Leistungen der Künstler die Besucher. Dadurch wurden uns Maßstäbe gesetzt. Es mussten Voraussetzungen geschaffen werden, um im Wettstreit mit dem ,Lindenhof'-Varieté bestehen zu können." Also griffen die staatlichen Stellen beim Rat des Bezirkes ein. Unter dem VEB Konzert- und Gastspieldirektion Karl-Marx-Stadt gab es ab Januar 1963 ein gemeinsames Groß-Varieté mit den Häusern "Kulturpalast" Karl-Marx-Stadt und "Lindenhof" Zwickau, mit dem gleichen Programm und einem schmaleren, gemeinsamen Programmheft. Der Begriff "Groß-Varieté" blieb bis Ende 1962 dem "Lindenhof" vorbehalten. 1968 wurde das Varieté "Lindenhof" dann zum Kreiskulturhaus mit dem Namen "Haus der heiteren Muse" herabgestuft. Es konnte wohl nicht sein, dass es in der Kreisstadt Zwickau ein besseres Varieté als in der Bezirkshauptstadt Karl-Marx-Stadt gab.

1971 löste Günther Groicher den Künstlerischen Leiter Günther Schnabel ab, der seit dem 1. November 1959 in dieser Funktion tätig war. Die Äquilibristen Günther Groicher und seine Schwester Reni waren selbst jahrelang im In- und Ausland "auf den Bühnen der Welt" aufgetreten. Im September 1976 folgte Wolfgang Hausmann Erich Linke als Direktor des "Linden- hofes". Hausmann wirkte bis zum "bitteren Ende" im Juli 1992 als Direktor, Groicher als Künstlerischer Leiter und Schnabel als Bühnenbildner.

Neben den reduzierten Varieté-Großveranstaltungen gab es jetzt die Reihe "Musik für junge Leute", den "Jazz im Liho", Familientanz- abende, den Sonntag-Nachmittag-Jugendtanztee, die Gemeinschaftsveranstaltung der Nationalen Front mit dem "Lindenhof" unter dem Titel "30 Rosen der Freundschaft", den "Tag des Berufssoldaten" und das Kinder-Varieté.

Trotz verschiedener organisatorischer Änderungen und aller Bemühungen der Klubhausleitung und des Personals: der langsame Abstieg des "Lindenhofes" war nicht mehr aufzuhalten. Dem einst so bunten und vielfältigen Programm, das die künstlerische Leitung Monat für Monat geboten hatte, waren spürbare Fesseln angelegt worden. Aber hin und wieder war der "Lindenhof" auch in dieser Zeit noch ausverkauft, wenn internationalen Stars wie Katja Ebstein, Roy Black, Andy Borg, Dean Reed, die Dutch Swing College Band oder das brasilianische Nationalballett gastierten.

Im Herbst 1989 kam es in der DDR zur friedlichen Revolution. Die Menschen hatten jetzt in ihrer Freizeit andere Probleme und Interessen als einen Varieté-Besuch. Das Varieté als Unterhaltungsart hatte keine Perspektive. Die Überlegungen richteten sich eher auf eine moderne Stadthalle.

Im Juli 1992, anlässlich der 800-Jahr-Feier Marienthals, fand die letzte Veranstaltung im "Lindenhof" statt. Die in den Mauern aufsteigende Feuchtigkeit versetzte dem Gebäudekomplex den Todesstoß. Am 28. April 1994 fasste der Stadtrat den Beschluss zur Neubebauung auf dem Areal neben der Marienthaler Straße. Ab 19. Januar 2000 wurde das Eckhaus mit der ehemaligen HO-Gaststätte "Lindenhof" abgebrochen. Im Februar 2004 rollten dann die Bagger an und begannen mit den Abbrucharbeiten des Saales und der Bühne. Danach entstand hier ein Einkaufsmarkt mit Parkplätzen. An das Varieté "Lindenhof" erinnert an dieser Stelle nur noch eine Straßenbahnhaltestelle dieses Namens.

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