Kleine Samenkörner von Hoffnung gesät

Der ehemalige Zwickauer Theaterintendant feierte dieses Jahr seinen 90. Vor 25 Jahren ging Jens-Peter Dierichs nach Berlin. Der Inhalt seines Abschiedsprogramms hat bis heute jedoch nichts von seiner Aktualität eingebüßt.

Zwickau/Berlin.

Wie die Zeit rast! Zweieinhalb Jahrzehnte ist es schon her, dass Jens-Peter Dierichs Zwickau verlassen hat. Mit Freude hat er in Berlin die Kunde von der Wiedereröffnung des Puppentheaters vernommen, dessen Grundsteinlegung 1984 in seine Amtszeit fiel. Bis 1990 leitete Dierichs die Bühnen der Stadt Zwickau. Das Ende der beruflichen Laufbahn bedeutete für ihn keinen Abschied vom Theater. Gemeinsam mit seinen Freunden vom Friedenszentrum widmete er sich fortan der Kleinkunst. Seit 1991 war er maßgeblich an der Konzipierung, Zusammenstellung und Gestaltung der Reihe "Musik & Poesie im Café Hinterhaus" beteiligt.

Die musikalisch-literarischen Abende im Bunten Zentrum, damals noch an der Walther-Rathenau-Straße beheimatet, erfreuten sich großer Beliebtheit. Sein Best-of-Programm "Es ist an der Zeit" vor 25 Jahren bildete einen bewegenden Abschied von Gleichgesinnten und Freunden. Dierichs kann sich noch gut daran erinnern. "Die Texte von Brecht, Grass und Heym sind nach wie vor höchst aktuell, wenn auch in abgewandelter Form", meint der inzwischen 90-Jährige. Besonders haften geblieben im Gedächtnis sind ihm das vom Tucholsky-Buch "Deutschland, Deutschland über alles" angeregte Programm und die Rosa-Luxemburg-Briefe aus dem Gefängnis, die seine Frau Gabriele Mewe gelesen hat. Dierichs ist seiner humanistischen Grundüberzeugung auch nach dem Wegzug treu geblieben: Er engagierte sich als Vorsitzender des Bürgervereins in Friedrichshagen und gehörte für mehrere Amtsperioden der Bezirksverordnetenversammlung Köpenick an. "Im Alter denke ich auch an manche Gedichte, die ich damals vorgetragen habe im letzten Programm. Wenn ich sie heute wieder lese, schöpfe ich immer wieder neuen Mut."

Künstlerin Annette Schneider, die am Robert-Schumann-Konservatorium unterrichtet, hat Jens-Peter Dierichs in dessen Zeit als Intendant kennengelernt, als sie am Theater in der Mühle kleine Bühnenprogramme mitgestalten durfte. Gern denkt sie an die gemeinsamen Programme im "Café Hinterhaus" zurück. "Ich kann mich an die alte Villa erinnern. Der Raum war nicht groß, aber gemütlich. Es waren immer viele Zuhörer da. Sie waren sehr aufmerksam. Man war offen für die kleine Kunst. Ich empfand das als sehr angenehm. Es hat viel Spaß gemacht. Das sind Sachen, die man nicht vergisst", sagt Schneider. Jens-Peter Dierichs lernte sie dabei besonders zu schätzen: "Er ist uneigennützig, hat ein großes Herz für die Menschen und absolute Toleranz Religionen gegenüber, aber keine Toleranz Leuten gegenüber, die Gewalt anwenden. Wenn er vorgetragen hat - mit Leidenschaft, manchmal auch ein bisschen aufgeregt - konnte man spüren, er will, dass die Leute das verstehen." Mit seinen Befürchtungen ob des wieder aufkommenden rechten Gedankenguts habe er zu jener Zeit leider richtig gelegen.

Einer der rührigen Macher im Bunten Zentrum war damals Reinhard Riedel, der heute als Projektdienstleister und Koordinator Kulturelle Bildung im Kulturraum Erzgebirge-Mittelsachsen tätig ist. Er erinnert sich noch gut, wie Jens-Peter Dierichs bei der Reihe "Musik und Poesie" die Initiative ergriffen hat. Thomas Nordheim, heute Bürgermeister in Lichtenstein, hat bei den Veranstaltungen öfter Trompete gespielt, später ist Egmont Elschner, heute Vorsitzender des Kulturbeirats Chemnitz, dazugestoßen.

"Es war die Aufbruchszeit der 90er-Jahre, als man viel mehr ausprobiert hat. Die Überzeugung hat motiviert, was zu tun und Lücken zu füllen. Nach dem Motto: Wir haben 'ne Idee, und wir machen jetzt", erzählt Reinhard Riedel. "Das hatte auch seinen Charme. Das ist heute ein bisschen anders, da kommen schon immer Bedenken mit rein, man wägt vieles mehr ab." Das sei sicher auch der Entwicklung und den Erfahrungen seit der Wende geschuldet. "Klar vermisst man das eine oder andere, aber ich bin nicht der Typ, der irgendwelchen Dingen nachtrauert", gesteht Riedel. Dafür gebe es heute neue Formen, sich künstlerisch auszudrücken, die junge Leute ansprechen. "Und die Intensität, mit der die Leute dabei sind, ist schon bemerkenswert."

Das sind auch die Momente, aus denen Jens-Peter Dierichs neue Hoffnung schöpft: dass die Kinder und Jugendlichen selbst für ihre Zukunft eintreten, wie beispielsweise in der Fridays-for-Future-Bewegung. "Viel ist in Bewegung geraten. Die Menschen lassen sich nicht mehr so einfach manipulieren", konstatiert der Rentner, der sich selbst als poetischen Realisten bezeichnet. "Mit 90 denkt man natürlich zurück: Was hat man im Leben bewirkt? Es waren kleine Samenkörner von Hoffnung, die wir gesät haben mit unserem Team im Friedenszentrum."


Kommentar: Die Ideelebt weiter

Beim Stöbern in selbst verfassten Artikeln aus den 90ern wird die Nachwendezeit wieder lebendig. Plötzlich kommen Erinnerungen auf, auch an die wunderbaren Abende im "Café Hinterhaus". In der Reihe "Musik und Poesie" sind Leute aufgetreten, die alle etwas zu sagen hatten. Mit ihren Liedern und Texten haben sie gezeigt, wie sie zu der turbulenten Auf- und Umbruchzeit stehen, und sie konnten sich musikalisch und literarisch damit auseinandersetzen. Solche Kleinkunst-Formate, wo man etwas vor Publikum vorstellt und sich hinterher darüber austauscht, sind nach wie vor sehr wichtig. Ein Podium, wo man junge Leute für etwas begeistert, wo sie sich selber wiederfinden und aktiv einbringen können. Das "Café Hinterhaus" ist zwar längst abgerissen, doch die damit verbundene Idee lebt andernorts und in anderer Form weiter: ob im Mondstaubtheater, der Poetry-Slam- Szene oder auf der Kunstplantage.

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