Klinik hilft nicht nur bei Alkoholsucht

Seit 40 Jahren gibt es im Wiesener Krankenhaus die Bereiche Psychiatrie und Psychotherapie. Vor allem junge Leute bereiten den Fachleuten zunehmend Sorgen.

Wiesen.

Im Volksmund wird der markante Bau an der B 93 im Wildenfelser Ortsteil Wiesen Suchtklinik genannt. Dort werden nicht nur Alkohol- und Tablettenabhängige behandelt. Michael Leistner, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Asklepios Fachklinikum Wiesen, erklärt: "Wir behandeln alle psychiatrischen Erkrankungen, so zum Beispiel Depressionen, psychotische Erkrankungen, Persönlichkeitsstörungen, auch Drogenabhängigkeit, pathologisches Glücksspiel und Mediensucht. Ebenso spielen Demenzerkrankungen bei der Überalterung in der Region eine wichtige Rolle."

Dr. Frank Härtel, der fast von Anfang an zum Ärzteteam im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie gehörte und die Klinik von 1990 bis 2010 als Chefarzt geleitet hatte, berichtet, dass es auch schon vor vier Jahrzehnten um weit mehr als Alkohol- und Tablettensucht gegangen ist. "Wir haben beispielsweise Schizophrenien und Depressionen behandelt", sagt er. "Bereits seit 1976 hatten wir ein differenziertes Sucht- behandlungskonzept. Das gab es im Westen Deutschlands erst Jahre später." Die Therapiezeit sei damals erheblich länger als heute gewesen, was zu niedrigeren Wiederaufnahmeraten geführt habe.

Laut Chefarzt Leistner musste sich die Klinik in den letzten Jahrzehnten der Behandlung neuer Erkrankungen stellen. So seien nach der Wende Drogenabhängige hinzugekommen, zunehmend auch Menschen, die nicht vom Glücksspiel lassen können, genau wie immer mehr Mediensüchtige. 1976 habe es im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie 48 Betten gegeben, mittlerweile sind es einschließlich der Rehabilitationsklinik 203 Behandlungsplätze. "Das hängt sicher auch mit der Entstigmatisierung psychischer Krankheiten zusammen. Ein Teil der Patienten tut sich leichter damit, Hilfe zu suchen", sagt der Mediziner.

Inzwischen würden zunehmend auch mehrfach abhängige Patienten in die Klinik kommen. Dabei handele es sich vor allem um junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren. Viele sind sogar jünger, können allerdings nicht in Wiesen behandelt werden, sondern nur in Einrichtungen der Kinder- und Jugendpsychiatrie. "Das heißt nicht, dass wir uns hier dem Problem nicht stellen. Wir dürfen zwar Jugendliche unter 18Jahren nicht behandeln, sind aber präventiv tätig", sagt Leistner.

Er berichtet, dass Klinikmitarbeiter mit Mädchen und Jungen in Grund- und Oberschulen sowie Gymnasien der Region über Themen wie Drogen- und Mediensucht sprechen. Außerdem sei man mit Suchtberatungsstellen, Selbsthilfegruppen, anderen Krankenhäusern sowie niedergelassenen Kollegen vernetzt.

und Internetsucht wirkt das Team auch überregional eng mit Sucht- beratungsstellen zusammen. "Immer mehr junge Leute werden beispielsweise über Online-Rollenspiele süchtig", sagt Grit Graatz, Chef- ärztin der Rehabilitationsklinik. "Die Sucht hat dann den höchsten Stellenwert in ihren Leben. Sie essen ungesund und nebenbei, haben Bewegungsmangel, gehen nicht mehr zur Schule oder zur Ausbildung. Erste Anzeichen werden oft unterschätzt." Es gehe darum gehe, die Patienten zur Abstinenz zu befähigen und ihnen dabei Wege aufzuzeigen, womit sie ohne Suchtmittel künftig ihr Leben füllen können. Beispielsweise gehöre zur Rehabilitation die Vorbereitung zum Wiedereinstieg in Ausbildung- oder Berufsleben, Sport und Ernährungsberatung.

Mehrfach wurde in den 22 Jahren, seit die Klinik zur Asklepios-Gruppe gehört, investiert. Nächste Vorhaben sind der Bau eines weiteren Bettenhauses sowie die Sanierung und der Umbau von zwei Etagen im Altbau.


Blick in die Historie

Das markante Haus an der B 93 in Wiesen ist 1913 als Pflegeheim in Betrieb gegangen. Im Ersten und im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude als Lazarett genutzt.

1946 wurde dort ein Bergarbeiterkrankenhaus der SDAG Wismut, seit Anfang der 1950er-Jahre mit pulmologischer Spezialisierung (Lungenheilkunde), eingerichtet. Da Lungen- erkrankungen ab- und psychische Störungen zunahmen, wurden 1976 zwei Stationen zum Bereich Psychiatrie umgenutzt. Dieser gehörte zur psychiatrisch-neurologischen Klinik des Bergarbeiterkrankenhauses an der Werdauer Straße in Zwickau.

Das Krankenhaus wird seit 1994 von der Asklepios-Klinik-Gruppe betrieben. Unter diesem Träger expandierte die Einrichtung, entstanden Sporthalle, Schwimmbad, Rehabilitationsklinik und ein neues Bettenhaus. Heute ist das Klinikum ein modernes zertifiziertes Fachkrankenhaus mit einer Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, einer Tagesklinik, einer psychiatrischen Institutsambulanz sowie einer suchtmedizinischen Rehabilitationsklinik. (vim)

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