Konzert beginnt und endet überraschend

Auf Musik von einem Mitglied der Strauß-Familie, wie es zu Neujahrskonzerten Standard ist, wurde in Zwickau verzichtet.

Zwickau.

Neujahrskonzerte haben immer einen besonderen Reiz und lassen das Publikum schmachtende Walzerklänge, flotte Polkas, Quadrillen und Operettenouvertüren erhoffen. Durch die traditionellen Konzerte in Wien und anderen Metropolen haben sich Erwartungshaltungen entwickelt, die sich an der Strauß-Familie mit all ihren komponierenden Mitgliedern und deren Zeitgenossen orientieren. Umso neugieriger und gespannter konnte man auf das diesjährige Neujahrskonzert in Zwickau unter dem Titel "Welcome 20!" sein, denn da waren auf dem Konzertprogramm kein einziger "Strauß" und auch kein Franz von Suppé oder Joseph Lanner zu lesen. Im Gegenteil: Es standen für ein Konzert zum Jahresbeginn teilweise eher "untypische" Komponisten auf dem Zettel: Kurt Weill, Alban Berg, Arthur Honegger, Charlie Chaplin.

Generalmusikdirektor Leo Siberski, der nicht nur am Pult stand, sondern auch wie vergangenes Jahr durchs Programm führte, spannte in seiner einführenden Moderation einen großen Bogen von 2020 zu den "Goldenen Zwanzigern" des 20. Jahrhunderts. Zwischen 1924 und 1929 nahmen Wirtschaft und Technik in den Industrieländern einen enormen Aufschwung. Kultur und Kunst erlebten eine Blütezeit, bis mit der Weltwirtschaftskrise 1929 die Entwicklung ein jähes Ende nahm. Mit der Zeit eng verbunden sind Künstler wie Paul Klee, Otto Dix, Max Pechstein, Ernst Jünger, Stefan Zweig oder Bertolt Brecht.

Die Musik zu einem Brecht-Stück lieferte auch die musikalische Klammer für das Konzert - die "Kleine Dreigroschenmusik" von Kurt Weill aus dem Jahre 1928. Das Orchester und ihr am Pult im Takt der Musik fast tanzender Dirigent boten einen nuancierten und facettenreichen Klang, der sich zwischen swingenden Elementen, herber Rhythmik und lyrischen Passagen bewegte. Warum man jedoch die gesamte Suite mit ihren acht Sätzen ins Programm genommen hat, ist fraglich. Weniger wäre besser gewesen.

Die aus Wien gebürtige Mezzosopranistin Stephanie Atanasov, die seit der Spielzeit 2019/2020 zum Ensemble in Zwickau gehört, sang vier der insgesamt "Sieben frühen Lieder" ihres Landsmannes Alban Berg - eine sehr lyrische und gefühlvolle Interpretation der zwischen 1905 und 1908 komponierten und 1928 von Berg instrumentierten Lieder nach Texten von Carl Hauptmann, Rainer Marie Rilke, Johannes Schlaf und Theodor Storm. Stephanie Atanasov gelang es, das Publikum zu fesseln. Am Ende des ersten Teils kamen doch noch die typisch wienerischen Klänge der österreichisch-ungarischen Monarchie in den ausverkauften Zwickauer Jugendstil-Ballsaal "Neue Welt". Den Reigen eröffneten Nataliia Ulasevych und Marcus Sandmann mit einem Duett aus der Operette "Das Land des Lächelns" von Franz Lehár. Die Ukrainische Sopranistin (Mi) und ihr Berliner Tenor (Gustl), beschworen mit Witz und stimmlicher Souveränität, dass beider "Lieben" gleich sind, denn "da liegt alles drin". Nach der Pause konnte das Orchester zeigen, was musikalisch in ihm steckt. Die Clara-Schumann-Philharmoniker unter der Leitung von Leo Siberski brillierten mit der Ouvertüre zu "Gräfin Mariza" von Emmerich Kalman facettenreich, feurig und dynamisch perfekt mit schmachtenden Streichern und sattem Bläsersound.

Zwei besondere musikalische Höhepunkte boten Leo Siberski am Klavier, Michael Pukas am Kontrabass und die Sopranistin Stephanie Atanasov mit George Gershwins "Oh, Lady be good" und Nataliia Ulasevych mit Orchester und Nico Dostals "Koloratur-Foxtrott": das erste ein sehr lyrischer, filigraner, zerbrechlicher und leiser Klang, der in einem furiosen und swingenden Schluss mündete; das zweite eine grandiose Arie, die mit virtuosen und glasklaren Koloraturen den Atem stocken ließ.

Der offizielle Teil des Konzertes endete ebenso überraschend wie er begann, nämlich mit einem Komponisten, den man hier nicht vermuten würde - Charlie Chaplins Filmmusik zu "Modern Times" (1936). Chaplin, bekannt als Schauspieler, Komiker, Regisseur und Produzent, schrieb tatsächlich zu mehreren seiner Filme auch die Musik und erhielt 1973 einen Oskar für die beste Originalmusik für seinen Film "Limelight".

Bei den Zugaben muss eine hervorgehoben werden - der "Batavia Foxtrott" aus dem "Vetter aus Dingsda" von Eduard Künnecke. Grandios und schwungvoll gespielt mit viel Witz und Esprit vereinte er alle Solisten, das Orchester und den mehrere Gesangsrollen übernehmenden Leo Siberski zu einem mit tosendem Applaus gekrönten Finale.

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