Konzerte, Kämpfe, Kuchenbuffet - rechtsextreme Umtriebe in Zwickau

In der Stadt, in der bis November 2011 das NSU-Mordtrio Unterschlupf und Unterstützerumfeld hatte, treffen sich Neonazis heute mehr oder weniger offen. Und oft.

Zwickau.

Zwar liefen Organisation und Zuschauerwerbung konspirativ ab, so wie das in der Szene üblich ist - von einer regelrechten Geheimveranstaltung konnte man beim Neonazi-Kampfsporttreffen "Tiwaz" am 8.Juni in Zwickau-Crossen aber nicht sprechen. Schließlich wurde es im Internet beworben, und offenbar war auch der sächsische Verfassungsschutz im Bilde. Das legen die Antworten nahe, die das sächsische Innenministerium jetzt auf Anfragen der Landtagsabgeordneten Juliane Nagel (Linke) und Valentin Lippmann (Grüne) gegeben hat.

Kampfsport in Crossen: Viel Neues verrät das Ministerium in den Schreiben nicht. Es lägen Erkenntnisse vor, die durch nachrichtendienstliche Mittel erlangt wurden, heißt es zur Begründung - ihre Weitergabe würde den künftigen Zugang zur Szene, die Arbeitsfähigkeit des Landesamtes für Verfassungsschutz und Informanten gefährden. Zumindest ein interessantes Detail war so bisher allerdings nicht bekannt: Das kurzfristig in die Paintballanlage nach Crossen verlegte Treffen sollte laut Ministerium ursprünglich nämlich nicht in einer anderen Stadt oder Gemeinde ausgetragen werden. Vielmehr war Zwickau auch die erste Wahl der Veranstalter. Vorgesehen hatten sie ein Firmengelände an der Trabantstraße gegenüber dem Zwickauer Jobcenter. Aber daraus wurde nichts. Am 7.Juni habe die Polizei festgestellt, dass an einer größeren Gewerbehalle Aufbauarbeiten für eine Veranstaltung stattfinden, heißt es in den von Innenminister Roland Wöller (CDU) unterschriebenen Antworten an die beiden Politiker. "Auf Nachfrage beim Vermieter kündigte dieser mit sofortiger Wirkung das Mietverhältnis."


Die Organisatoren des "Tiwaz", laut Ministerium unter anderem "Rechtsextremisten aus Chemnitz", fanden bekanntlich ganz in der Nähe eine Alternative. Fast 60Polizisten waren am 8. Juni im Umfeld des Vereins "ShootClub" am Crossener Marktsteig im Einsatz. An dem Treffen in der Paintballanlage nahmen laut Ministerium etwa 350Personen teil. Darunter befanden sich auch Angehörige der Neonazi-Partei Dritter Weg und Personen, die "zumindest Sympathisanten der ,Identitären Bewegung' sind." Die Besucher kamen den Autokennzeichen zufolge aus fast ganz Deutschland, überwiegend aber aus Sachsen, Brandenburg und Thüringen. 15 Kämpfe wurden ausgetragen und drei Redebeiträge gehalten - über weitere Details hüllt sich Wöller in Schweigen.

Zwei Konzerte am Wochenende: Doch das "Tiwaz" war nur eine von mehreren Neonazi-Veranstaltungen, die in den vergangenen Wochen in Zwickau über die Bühne gehen konnten. Auch bei der jüngsten hatte der Vermieter eines Veranstaltungsraums offenbar nichts über die wahren Hintergründe seiner Kundschaft gewusst - der Meeraner Gartenverein kündigte den Ausrichtern kurzfristig, nachdem er von der Polizei informiert worden war. So kam es am Samstagabend schließlich zueinem Neonazi-Musikabend mit etwa 35Gästen in einem Ausweichlokal in Zwickau. Dabei handelte es sich um gaststättenähnliche Räumlichkeiten an der Leipziger Straße88.

Zumindest in diesem Haus dürften die Verantwortlichen genau Bescheid gewusst haben, war es am selben Veranstaltungsort doch schon tags zuvor bei einem Liederabend mit dem Sänger und Gitarristen der Rechtsaußen-Band Flak hoch her gegangen. Beworben hatte das freitägliche Konzert ein junger Zwickauer, der es unlängst mit Unterstützung des Dritten Wegs fast in den ersten Zwickauer Jugendbeirat geschafft hätte - und der auch beim "Tiwaz" gesehen wurde.

Nach den Aufklebern an der Eingangstür des Lokals hat in der Leipziger Straße 88 der "Pölbitzer Dartclub" sein Domizil. Zutritt wird nur Mitgliedern gewährt, Mindestalter 18 Jahre. Geöffnet ist Donnerstag bis Sonntag ab 20 Uhr. Die Fenster sind mit einer Art Folie verklebt, die keinen Blick in den Innenraum zulässt - im Vereinsregister sucht man den Clubnamen vergebens.

Zu der geschlossenen Veranstaltung, für die man sich per E-Mail anmelden konnte, kamen am Freitag etwa 50 bis 75Besucher. Die Polizei überwachte das Ganze mit einem Großaufgebot, sah aber ebenso wie am Tag darauf keinen Grund, das Treiben zu unterbinden. Einschreiten musste sie allerdings wegen einer Schlägerei zwischen einem 30-jährigen Anwohner und einem 45-jährigen Konzertbesucher.

Dritter Weg mit Sommerfest: Damit nicht genug des völkischen Veranstaltungsreigens. Der vom Verfassungsschutz beobachtete Dritte Weg hatte am vorvergangenen Wochenende in aller Öffentlichkeit ein Sommerfest mit Hüpfburg, Kinderschminken und "selbst gebackenem Kuchen" im Zwickauer Stadtteil Neuplanitz ausgerichtet. "Selbstverständlich bestand auch wie gewohnt die Möglichkeit, sich ... mit umfangreichem Material unserer volkstreuen Bewegung einzudecken, wovon die Neuplanitzer von jung bis alt auch wieder rege Gebrauch machten", heißt es auf der Internetseite der rechtsextremistischen Kleinpartei, die regelmäßig in dem Plattenbaugebiet aktiv ist. Nach Erkenntnissen des Landesamtes für Verfassungsschutz vereint der "Stützpunkt Westsachsen" des Dritten Wegs den Erzgebirgskreis sowie die Städte Zwickau, Chemnitz und deren Umland. Der örtliche Schwerpunkt sei dabei Zwickau.

Thema für Stadtrat: Die Stadtverwaltung kann nach eigenem Bekunden nicht beurteilen, ob die Häufung der Veranstaltungen in Zwickau Absicht oder Zufall ist - eines der Konzerte am Wochenende sei ja ursprünglich gar nicht hier geplant gewesen. Zu den Gründen für Zwickau dürften die zentrale Lage und Erreichbarkeit der Stadt zählen sowie die augenscheinliche Bereitschaft bestimmter Vermieter, Räumlichkeiten für solche Zwecke zu vermieten, erklärte Stadtsprecher Mathias Merz. Dass man die Situation mit Sorge beobachte, verstehe sich.

Bei Stadtrat Lars Dörner (Grüne) haben sich Anwohner beschwert. "Es müsste etwas getan werden, aber die Frage ist, was", sagte er. Da es sich um private Veranstaltungen handelt, sei ein Verbot schwierig. Er rief den Stadtrat auf, sich so schnell wie möglich mit dem Thema zu befassen. Nach Meinung von CDU-Mann Michael Luther sind auch die Bürger gefragt. Wer in seiner Nachbarschaft rechtsradikales Treiben beobachte, sollte die Polizei informieren.

Verhindert werden die Veranstaltungen damit jedoch noch nicht.

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 8 Bewertungen
2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 10
    14
    gelöschter Nutzer
    23.07.2019

    Ja, Distelblüte, so ist das Leben.

  • 18
    16
    Distelblüte
    23.07.2019

    Rechtsradikales Vereinsleben hat sich hier zur Normalität entwickeln können. Im Gegensatz zu Essen und Dortmund, wo die Rechtsradikalen aufregelmäßigen, spürbaren Widerstand der Zivilgesellschaft treffen, gibt es hier vor allem Schweigen, Schulterzucken, Ignoranz. Wer sich dagegen engagiert, wird als links(extrem) verschrien.
    Zur Erinnerung: Auch der NSU konnte sich im Raum Zwickau und Chemnitz einer gut vernetzten Unterstützung sicher sein. Und diese Personen sind alle noch in der Szene aktiv.



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