"Krass, dass so viele Morde passierten"

Schüler leuchten das Zwickauer Umfeld der NSU-Terroristen aus. Als die abtauchten, waren die meisten der jungen Aufklärer noch nicht geboren.

Szene-V-Männer, die nichts sehen, hören oder sagen, haben die Schüler in ihrer Geschichtswerkstatt zum NSU nachempfunden.

Für Sie berichtet: Jens Eumann

Die 15-jährige Milena schüttelt den Kopf. "Krass, dass so viele Morde passierten", sagt sie. "Und dass man so lange nichts gemerkt hat", ergänzt Klassenkameradin Amelie (16). "Gut, die haben hier nicht viel Aufsehen erregt. Aber wir gehen davon aus, dass es hier Leute gab, die davon wussten. Aber diese Leute waren auch dafür", glaubt Amelie. Die Zwickauer Schülerinnen gehören zum Team einer Geschichtswerkstatt, die sich über Monate dem Terror-Komplex des "Nationalsozialistischen Untergrundes" (NSU) gewidmet hat. Gestern stellte die Werkstatt - knapp 30 Schüler von Schulen aus Zwickau und Werdau - in Zwickaus soziokulturellem Zentrum Gasometer auf Schautafeln ihre Ergebnisse vor.

In die Zeit, in der die zunächst in Chemnitz abgetauchten Rechtsterroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe nach Zwickau weiterzogen, fiel auch der Start ihrer Mordserie, der neun ausländischstämmige Kleinunternehmer und eine Polizistin zum Opfer fielen. "Wie kommt man darauf, Menschen so grausam umzubringen", fragt sich Amelie. Manchmal nähert man sich Antworten leichter, wenn man sich Fragen gemeinsam stellt.

Da war zum einen der Hass auf Ausländer, den die Täter teilten. Doch gab es noch eine Gemeinsamkeit, die zumindest die ersten neun Opfer vor der Polizistin zu teilen schienen. "Sie alle hatten sich etwas aufgebaut in Deutschland", glaubt Milena. Blumenhandel, Schneiderei, Döner-Läden, Gemüsegeschäft, Schlüsseldienst, Kiosk oder Internet-Café - Menschen also, die zwar im Ausland Wurzeln, aber in Deutschland etwas erreicht hatten, das den in der Illegalität gestrandeten Terroristen unerreichbar blieb. Sozialneid als Teil des Motivs? Eine Hypothese zwar, aber nicht abwegig.

Auch solche Erkenntnisse zählen zu "Mosaiksteinen", die staatliche Aufklärung nicht touchierte, wie Danilo Starosta, einer der Projektbetreuer, findet. Er arbeitet fürs Kulturbüro Sachsen, einen Verein, der das Phänomen Rechtsextremismus seit Jahrzehnten im Blick behält. "Staatsanwälte schauen nur auf Strafbarkeit und Ahndungsfähigkeit von Delikten", sagt Starosta. Auch die parlamentarischen Aufklärer in Ausschüssen seien beschränkt. "Durch Aktenbeschlusslagen der Behörden". Manche Akten gaben Ministerien nur geschwärzt preis, andere wurden gleich geschreddert. "Wir versuchen, an Orten des Geschehens dem Umfeld nachzugehen: Wo habe ich gewohnt? Wo haben die gewohnt? Wo hätte man sich sogar begegnen können", umreißt Starosta Fragen, die sich Teilnehmer der Werkstatt stellten.

René Hahn, Linken-Abgeordneter im Stadtrat, der mit der Gruppe zum NSU-Prozess nach München fuhr, kann sich an ein Mädchen erinnern, für das es nicht bei der Modalitätsform: "Wo hätte man sich begegnen können?" geblieben war. "Sie stammte aus der Nachbarschaft der Polenzstraße 2 und hatte als Kind bei Beate Zschäpe auf dem Arm gesessen", entsinnt er sich. Im Januar 2018 im Münchner Gerichtssaal sei die Erschütterung des Mädchens zu spüren gewesen, als die Frau da unten auf der Anklagebank, die sie nur als "Lisa" gekannt hatte, nicht einfach reinen Tisch machen wollte.

Als Titel für die Werkstatt machten sich die Schüler den Appell von Opferanwälten aus dem Prozess zu eigen: "Kein Schlussstrich". Er bedeutet, dass Aufklärung trotz des Prozessendes weitergehen muss. Aufklärung auch zur Verstrickung des Staates, der so viele bezahlte Spitzel im Umfeld des Trios platziert hatte. Eine Woche nach Auffliegen des NSU begann im Bundesamt für Verfassungsschutz das Schreddern zahlreicher V-Mann-Akten. Die sogenannte "Aktion Konfetti" lief - kein Karnevalsscherz - am 11. November 2011 an.

Auch dem Bundesamts-V-Mann Ralf Marschner widmete sich eine Arbeitsgruppe der Geschichtswerkstatt. Er hatte über Jahre in Zwickau mehrere Szene-Shops betrieben und Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe im Untergrund wohl sogar beschäftigt. Ein "Freie Presse"-Artikel im Januar 2012 schob nach späterer Einschätzung des NSU-Bundestagsausschusses dann Marschners Enttarnung an. "Der ganze Komplex Verfassungsschutz ist der noch am wenigsten ausgeleuchtete", sagt Schulsozialarbeiter Jörg Banitz, der die Werkstatt betreute und Marschner als Strippenzieher der Szene noch selbst erlebt hat. Für Banitz ist die Arbeit der aktuellen Werkstatt nur ein Zwischenstand. Es müsse weitergehen. Statt eines in der Stadt umstrittenen Mahnmals schwebt ihm ein mobiles NSU-Informationszentrum vor. "Vielleicht in Form eines Wohnmobils, das schon beim Vorfahren klarmacht: Der Tod kam im Urlaubsgewand", grübelt Banitz.

Zum Beitrag: Zwickauer Schüler betrachten den NSU

1Kommentare
👍1👎1 Distelblüte 12.09.2018 Sehr guter Artikel. Die Schüler stellen Fragen, die ich mir im Zusammenhang mit den NSU-Morden auch stelle.
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