Kunst kommt von Können

Die Kultur-Kolumne der "Freien Presse"

Der Lieblingssatz meiner Grundschullehrerin, an die ich im Oktober 1968 in Baku geraten bin, war: "Hudoshnik ot slova hudo". Damit meinte sie sinngemäß: Das Wort "Bildender Künstler" (Maler) kommt vom Wort "schlecht". Elvira Abdurachmanovna pflegte das immer dann zu sagen, wenn sie während des Unterrichts einen der Schüler beim Rumkritzeln mit dem Federhalter auf dem Löschpapier erwischte. Warum mit Federhalter? Weil es damals in den sowjetischen Grundschulen nicht erlaubt war, mit Kugelschreiber zu schreiben. Es herrschte die Meinung, mit einem Kuli würde man nie eine ordentliche Schreibschrift hinbekommen. Das hat sich später wie vieles andere als Unsinn erwiesen. Wie auch die Lehrerin-Interpretation des alten Spruches, der nicht vom Wort "Hudoi" kommt, das im Altrussischen "schlecht" und "schwach" und im Neurussischen "dünn" bedeutet. Seine Wurzeln liegen viel tiefer, im 11. Jahrhundert, und wirklich gemeint ist kunstvoll, meisterhaft und weise.

Meine Grundschullehrerin, die ich glücklicherweise nur ein halbes Jahr erdulden musste - ihr folgten viele ganz wunderbare Lehrer -, erinnert mich an all die Leute, die selbst mit Kunst eigentlich wenig zu tun haben, aber mit Vorliebe den Spruch bringen: Kunst kommt von Können. Immer dann, wenn ihnen etwas nicht so "künstlerisch wertvoll" erscheint. Da ist auch die Ergänzung nicht weit: Käme die Kunst von Wollen, hieße sie Wulst oder Wunst. Die Redensart, die auf einen 1894 veröffentlichten Vers des Bühnenautors Ludwig Fulda zurückgeht, wurde im Nationalsozialismus in den Dienst der Diffamierung "entarteter Kunst" gestellt. Auch der in Zwickau geborene Expressionist Max Pechstein (1881-1955) wurde 1933 von den Nazis als "entarteter" Künstler verhöhnt, 16 seiner Bilder wurden 1937 in der NS-Ausstellung "Entartete Kunst" präsentiert und 326 seiner Werke konfisziert.

"Was ist bitteschön an dieser Kunst entartet? Wie kann Kunst überhaupt entartet sein?" - diese Fragen stellte Ballettdirektorin Annett Göhre den Besuchern der Einführungsmatinee zu Uraufführung ihres Tanzstücks über Max Pechstein ("Arbeiten! Rausch! Gehirn Zerschmettern!"), das am Freitag seine umjubelte Premiere im Malsaal feierte. Die von Annett Göhre kreierte Figur "Sehnsucht" unterstreicht die Meinung des Komponisten Arnold Schönberg aus dem Jahr 1910: "Ich glaube: Kunst kommt nicht von Können, sondern vom Müssen."

Heute Abend um 19.30 Uhr (Einführung um 19 Uhr) findet im Malsaal die zweite Aufführung des faszinierenden und auch für alle Ballettmuffel absolut zu empfehlenden Werkes statt. Bereits ab 9.30 Uhr wird die Ballettdirektorin, die inzwischen eine ausgesprochene Kennerin des Pechsteinschen Schaffens ist, als Zuhörerin und Zuschauerin das Symposium "TANZ!kunst- Max Pechstein: Bühne, Parkett, Manege" (9.30 bis 18 Uhr) in den Kunstsammlungen Zwickau-Max Pechstein Museum besuchen. Das Symposium bereitet eine Sonderausstellung vor. Gezeigt werden vom 6. April bis 14. Juli 2019 Pechsteinsche Bilder, in denen Darstellungen von Tanz, Varieté und Zirkus verschmelzen und sich widerspiegeln.

Apropos Zirkus: In einer Stadt aufgewachsen, in der ein Zirkus als ein Ort der Magie zum Stadtbild gehörte und in den man mindestens einmal im Monat mit größter Begeisterung ging, freue ich mich wie Bolle, dass Zwickau einen eigenen Weihnachtszirkus bekommt. Denn die Artistenkunst kommt nicht nur vom absoluten Können, sondern auch vom unbedingten Wollen, und heißt nicht Wunst, sondern Hohe Kunst! Mehr dazu auf Seite 10 der heutigen Ausgabe.

Foto: Michael Buschmann

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