Letzte Fahrt nach 105 Jahren

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Steinkohlenbergbau in Zwickau - einst Basis für wirtschaftliche Entwicklung in der Region. Heute: Die Oberhohndorf-Reinsdorfer Kohlenbahn (37/3).

Zwickau.

Die Oberhohndorf-Reinsdorfer Kohleneisenbahn war am 1.Januar 1940 unter dem Namen Reinsdorfer Industriebahn in den Besitz der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft (DR-G) übergegangen. Ab dem 15. Februar 1946 nutzte die Gewerkschaft Morgenstern die Reinsdorfer Industriebahn zum Abtransport des Haldenmaterials, das früher vom Morgensternschacht II aufgeschüttet worden war. Diese Halde hatte nach ihrer Aufschüttung jahrelang gebrannt, sodass sich eine rote, sehr feste Asche bildete, die sich unter anderem hervorragend für Sportstätten - zum Beispiel für das Walter-Ulbricht-Stadion in Berlin - eignete. Zwischen 1945 und 1949 wurden am Martin-Hoop-Schacht VII (früher Florentin-Kästner-Schacht I) noch etwa 40 Waggons mit Kohle beladen. Ab 1952 stellte man den Abbau im Lehrrevier des Martin-Hoop-Werkes im Feld der Martin-Hoop-Schächte VII und VIII ein. Bis Februar 1956 wurden nur noch geringe Restmengen an Kohle abgebaut - dann war auch in diesen Schächten Schluss.

Die zunehmenden Schäden, die sich am Gleisoberbau - Geschwindigkeit stellenweise nur noch fünf Stundenkilometer - und vor allem an der Muldebrücke zeigten, veranlasste die DR-G zu Überlegungen, den Industriebahnbetrieb einzustellen, zumal nur noch sechs Anschlussgleise genutzt wurden. Das durchschnittliche Wagenaufkommen betrug deshalb 1962 nur noch 9,7 Wagen pro Tag. Hauptsächlich ein Futtermittelbetrieb auf dem Gelände des ehemaligen Wilhelmschachtes II hatte zu dieser Zeit noch ein geringes Transportaufkommen.

Am 31. Oktober 1965 war es nach 105 Jahren soweit: Einstellung des Eisenbahnbetriebes der Oberhohndorf-Reinsdorfer Kohleneisenbahn. Die letzte Fahrt unternahm die Lok Nr. 89 293 des Betriebswerkes Zwickau, die ein paar Güterwagen angehängt hatte. Einige Angestellte der Deutschen Reichsbahn und Eisenbahnfans hielten dieses historische Ereignis fotografisch für die Nachwelt fest. Im Herbst 1966 begannen Arbeiter mit der Demontage der Bahnanlagen, der Gleise und der Muldebrücke. Heute sind im Rahmen des ersten Bergbaulehrpfades noch Teile der Strecke und Gebäude erkennbar. Im Heimat- und Bergbaumuseum Reinsdorf werden noch einige Relikte der Oberhohndorf-Reinsdorfer Kohleneisenbahn aufbewahrt, so zum Beispiel ein Stück der Eisenbahnschiene (Hersteller: Krupp), eine Holzschwelle, Laschen sowie sogenannten Rippenunterlagsplatten.

Die Güterzüge fuhren ab 1. November 1965 nur noch bis zum Sammelbahnhof Schedewitz, der ab dem 1. Oktober 1967 dem VEB Steinkohlenwerk "August Bebel" als Werkbahnhof seiner Anschlussbahn unterstellt wurde. Die zu diesem Werk gehörende Kokerei und der VEB Metallaufbereitung Zwickau waren jetzt die letzten noch verbliebenen Nutzer der Anschlussbahn. Nach der Einstellung des Kokereibetriebes aus Gründen der Rentabilität und des Umweltschutzes wurde ab 19. März 1992 auch der Eisenbahnverkehr eingestellt.

Nach einigen Jahren der Ruhe wurde die Strecke bis zum alten Sammelgleis Schedewitz wieder zum Leben erweckt. Seit dem 28.Mai 1999 fahren Triebwagen der Marke Regio-Sprinter der Vogtlandbahn über den Haltepunkt "Zwickau Stadthalle" bis zum Haltepunkt "Zwickau Stadtzentrum", wobei auf diesem Abschnitt aus Platzgründen größtenteils gemeinsam mit der Straßenbahn ein Dreischienengleis genutzt wird.

Die Staatsbahnlokomotiven haben bis 1940 nur Übergabefahrten bis zum Schedewitzer Sammelgleis ausgeführt. Der interne Kohlenbahnbetrieb bei der Oberhohndorf-Reinsdorfer Kohleneisenbahn wurde bis zu den Abnehmern durch folgende Tenderlokomotiven abgewickelt: Lokomotive "Oberhohndorf" (Fabrik-Nr. 155, Baujahr 1860); Lokomotive "Reinsdorf" (Fabrik-Nr. 156, Baujahr 1860); Lokomotive "Schaff" (Fabrik-Nr. 214, Baujahr 1864); Lokomotive "Schedewitz" (Fabrik-Nr. 809, Baujahr 1874); Lokomotive "Adhäsion" (Fabrik-Nr. 699, Baujahr 1873) und die Lokomotive "Rolle" (Fabrik-Nr. 790, Baujahr 1874). Die ersten vier Lokomotiven wurden etwa ab 1865 mit Führerhäusern ausgestattet. Hersteller für alle Loks war die Lokomotivfabrik Richard Hartmann in Chemnitz. Übrigens, die Lokomotive "Schaff" wurde nach dem Direktor der Oberhohndorf-Reinsdorfer Kohleneisenbahn Georg Theodor Schaff benannt, der um 1865 sein Amt innehatte.

Nach 1900 steigerte die Kohlenbahn ihre Transportleistung in Rekordhöhe. Deshalb kaufte das Unternehmen von der Sächsischen Maschinenfabrik vorm. Richard Hartmann 1901 noch eine neue Loko-motive. Es war eine Güterzugtenderlokomotive (Fabrik-Nr. 2731), die betriebsintern als Lok OR 5 bezeichnet wurde. Die Lokomotive wurde 1946 als Reparationsleistung in die Sowjetunion geschafft, in der sich ihre Spur verlor. 1910 wurde noch eine stärkere Maschine (Baureihe 98 0, Fabrik-Nr. 3704), ebenfalls von der Firma Hartmann gekauft und als Lok OR 6 geführt. Bis 1940 war zeitweise noch eine Lokomotive der sächsischen BR89 im Einsatz.

Bis zur Einstellung des Eisenbahnbetriebes waren auf einer der erfolgreichsten Kohlen- und Industriebahnen Deutschlands ausschließlich Dampflokomotiven im Einsatz. Die Betriebseinstellung wurde zunächst als Erfolg des Fortschritts gefeiert, aber bald vermisste mancher Anwohner das vertraute Schnaufen und Pfeifen der Lokomotiven und den Geruch des Dampfes.

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