Maidemonstration ohne Mainelken

Mehr als 100 Jahre lang war sie das Symbol der Kundgebungen zum Tag der Arbeit. Jetzt ist dem DGB die Kunstblume zu teuer geworden.

Zwickau.

Als sich Johannes Unger auf den Weg machte, um traditionell "seine" Mainelke im Büro des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) an der Zwickauer Bahnhofstraße zu kaufen, war er noch frohen Mutes. "Ich sammle die Nelken mit dem entsprechenden Bändchen mit Jahreszahl seit vielen Jahren", sagte er. Doch er wurde bitter enttäuscht, als er kurz und knapp abgefertigt wurde. Mainelken gäbe es nicht mehr. Über die Gründe erfuhr der Rentner aus Wilkau-Haßlau nichts.

Theresa Waldbauer hatte da mehr Glück. Ihr wurde zumindest gesagt, dass die Herstellung zu teuer wäre und die Kosten nicht mehr gedeckt seien. Diese Information hat sie sichtlich verärgert. "Wenn jetzt auch noch dem DGB der eigene Gewinn wichtiger ist als die Interessen der Arbeiter, dann grenzt das schon fast an einen Verrat", sagte sie und will in diesem Jahr den Maifeiern auf dem Zwickauer Hauptmarkt demonstrativ fernbleiben. Johannes Unger hingegen will zur Kundgebung gehen - auch ohne Mainelke.

Der Vorsitzende des DGB für die Region Vogtland-Zwickau, Ralf Hron, wollte sich zum Mainelken-Dilemma nicht äußern. Trotz einer Zusage ließ er einen Telefontermin platzen. Die Pressestelle des DGB in Berlin bestätigte schließlich das Aus für die Mainelken. "Sie sind zu teuer geworden, und die Abnahmezahlen sind in den letzten Jahren konti- nuierlich gesunken", sagte Maike Rademacher. Zudem habe man die Produktion auch aus ökologischer Sicht eingestellt. "Diese Entscheidung ist uns nicht leichtgefallen, weil wir wissen, welche Bedeutung die Mainelke für die Kollegen hat, die sie tragen", sagte Rademacher.

Damit wird es in der Region Zwickau dieses Jahr keine der künstlichen Mainelken geben. Auch der Kreisverband der Linken, der für die Partei die Maifeiern organisiert, muss passen. Vorsitzender Sandro Tröger: "Wir haben nie eigene Mainelken eingekauft, das lief immer über den DGB." Das Maiabzeichen des DGB wird es hingegen weitergeben. Als Motiv zum Anstecken ist neben der Aufschrift "1. Mai 2017" eine Mainelke zu sehen. Der Pin wird zum Einheitspreis von 1 Euro von der Gewerkschaft abgegeben.

1889 war die rote Nelke zur Arbeiterblume geworden. Der Internationale Sozialistenkongress in Paris forderte damals alle Arbeiter auf, am 1. Mai für ihre Rechte sowie für den Acht-Stunden-Tag einzutreten und dazu symbolisch eine rote Nelke zu tragen. Diese Tradition hat sich erhalten. Nelken haben noch eine andere politische Bedeutung. Verurteilte Aristokraten trugen während der Französischen Revolution auf dem Weg zur Guillotine Nelken mit sich. Auch die Nelkenrevolution in Portugal 1974 hat ihren Namen von den Blumen, die die revolutionären demokratietreuen Truppen in ihren Gewehrläufen trugen.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...