Mehr Freiheit genießen

Zwei Anliegen versucht die Hilfsaktion der "Freien Presse" in Zwickau in diesem Jahr zu erfüllen. Ob schwerst mehrfach behinderter Junge oder Familienwohngruppe: Alle hoffen auf etwas mehr Lebensqualität.

Zwickau.

Freddy ist immer mit dabei. Er liegt auf seiner Matratze, rollt sich vom Rücken auf den Bauch und lacht. Der Mund lacht von einem Ohr zum anderen, und die großen Augen lachen mit. Freddy hat gute Laune. Er mag es, wenn Besuch da ist. Da gibt es etwas zu schauen und etwas zu hören.

Freddy ist immer mit dabei: Claudia Döhler schaut vom Tisch zu ihrem Sohn hinüber, und auch in ihrem Gesicht scheint die Sonne. Die beiden bringt nichts auseinander. Sie sind zusammengeschweißt durch Liebe, aber auch durch das Schicksal. Denn Freddy ist anders. Er spricht nicht, kann nicht laufen, nicht ohne Hilfe sitzen. Bis zu seiner Geburt war er ein ganz normal entwickelter Junge. Aber dann.

Claudia Döhler zuckt mit den Schultern. Als klar war, dass mit ihrem Baby etwas nicht stimmte, wollte sie wissen, was genau anders ist. "Wir haben sämtliche Tests auf Gendefekte machen lassen", sagt sie. Ergebnis: alle negativ. Erst nach und nach wurde ihr klar, dass das Kind während der Geburt an Sauerstoffmangel gelitten hat. Das hat das Gehirn irreversibel geschädigt. Sie hat ein gesundes, aber schwerst behindertes Kind. Und: Sie hat einen Sonnenschein.

Mutter und Sohn sind ein liebevolles Paar. Wie sie miteinander spielen, wie sie auf der großen Matratze in einer Art überdimensioniertem Laufstall kuscheln. Wie Freddy sich an seine Mutter schmiegt, während sie ihm vorliest. Und doch: Claudia Döhler braucht viel Kraft, um ihren Sohn zu versorgen - körperlich, aber auch seelisch. Ihre Arbeit als Zahntechnikerin hat sie geliebt, aber sie hat sie aufgegeben, um Freddy zu versorgen. "Ich habe lange überlegt. Aber wenn man wie ich allein ist und keine Unterstützung hat, da geht das einfach nicht." Sie bringt den Achtjährigen morgens in die Sonnenbergschule nach Werdau, danach erledigt sie Einkäufe, Behördengänge und alles, das sie am besten allein tut. Den Rest des Tages verbringt sie mit Freddy, den sie eigentlich nicht allein lassen kann. Deswegen dominiert auch die riesige Matratze mit Gitter drumherum das Wohnzimmer. Sie kann es schließen, wenn sie mal aus dem Zimmer muss, und Freddy ist trotzdem vor Verletzungen sicher.

Zwar ist Freddy für einen Achtjährigen recht klein und zart. Doch für seine Mutter wird der Junge schwer und sperrig. Denn er wächst - und er isst gern. Am liebsten Schokopudding und am allerliebsten Schokopudding in großen Portionen. Ihn die Treppen hinauf- und hinunterzutragen, geht fast über die Kräfte seiner Mutter. So ist es jeden Morgen eine Anstrengung, ihn in die Schule zu bringen. Nachmittags ist es anstrengend, ihn zur Physio- und zur Ergotherapie zu bringen und ihn anschließend zu Hause in den ersten Stock zu tragen. All das nimmt Claudia Döhler auf sich, inklusive Ausflüge in den Tierpark, die er so gern hat. Was sich die Mutter wünscht, was sie dringend braucht, ist ein neues Auto. Ihr Wagen ist rund 16 Jahre alt und hat gut 200.000 Kilometer auf dem Buckel. "Jetzt geht es mit den teuren Reparaturen los", sagt die 40-Jährige. Nicht auszudenken, wenn das Auto mal ganz liegenbleibt. "Das darf nicht passieren. Das ist nicht vorgesehen."

Sie wünscht sich ein Auto, das groß genug ist, um Freddy samt Rollstuhl zu transportieren. Das dann immer noch Platz bietet, um zum Beispiel eine Freundin mitzunehmen. Denn Freddy liebt Besuch. Und auch Claudia Döhler braucht Gesellschaft. Sie beide sind lebensfrohe, gesellige Menschen. Das Auto soll so umgebaut werden, dass der schwere Rollstuhl über eine Rampe ein- und ausgeladen werden kann. Denn lange stemmt die Mutter diese Aufgabe nicht mehr. Was sie auch nicht stemmt, das sind die Kosten für solch ein Auto. Eines, das ihren Wünschen entspricht und das auch wieder so viele Jahre durchhält, kostet rund 45.000 Euro. Eine Summe, von der sie hofft, dass sie sie nicht allein aufbringen muss.

Gern würde Claudia Döhler wieder arbeiten gehen, sehr gern in einem Baumarkt. "Denn ich bin nun mal ein Handwerker." Doch mehr als ein paar Stunden vormittags hat sie keine Zeit. Unter diesen Umständen ist es schwer, eine Stelle zu finden, das ist ihr klar. Ebenso wie ihr klar ist, dass Freddy immer bei ihr sein wird, auch wenn er später einmal in einer Lebenshilfe-Werkstatt Teile seiner Zeit verbringen wird. Doch so alles in allem sind sie ein Team: untrennbar.

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