Mindestlohn für Azubis: Ist er wirklich nötig?

Die Ausbildungsvergütung soll neu geregelt werden. Viele Lehrlinge in Westsachsen würden davon aber nicht profitieren, denn sie verdienen schon jetzt deutlich mehr.

Zwickau.

Die Meinungen zum geplanten Mindestlohn für Auszubildende in Höhe von 504 Euro gehen auseinander. Während viele Handwerker das Vorhaben von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) skeptisch sehen, haben Industrie und Handel kaum Probleme. Die Handwerkskammer Chemnitz verweist auf den Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) und schließt sich dem an. "Damit wird die Schmerzgrenze von vielen ausbildenden Handwerksbetrieben in strukturschwachen Regionen überschritten", sagte ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke. Nach Ansicht der Industrie- und Handelskammer (IHK) Chemnitz zahlen die meisten Firmen in ihrem Bereich dagegen deutlich mehr als 504 Euro.

Die Zahlung einer angemessenen Ausbildungsvergütung wird vom Berufsbildungsgesetz im Paragraf 17 geregelt. Maßgeblich für die Höhe ist die Branchenzugehörigkeit des Unternehmens. Lernt beispielsweise ein Bürokaufmann in einer Bank, gilt die "Bankvergütung", lernt er in einem Gastronomieunternehmen, greift die "Gastronomievergütung". Wurde ein allgemein verbindlicher Tarifvertrag ausgehandelt, dürfen im Ausbildungsvertrag keine niedrigeren Sätze stehen. Nicht tarifgebundene Firmen müssen mindestens 80 Prozent der Tarifvergütung zahlen. "Werden die gesetzlichen Vorgaben unterschritten, so wird der Lehrvertrag nicht in das IHK-Verzeichnis eingetragen", erklärte Gabriele Hecker, Geschäftsführerin Bildung der IHK Chemnitz.

Torsten Kleditzsch

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Zwischen den einzelnen Branchen und der Zugehörigkeit zu Industrie oder Handwerk gibt es große Unterschiede. So erhalten Lehrlinge in einem tarifgebundenen Betrieb in der Metall- und Elektroindustrie im ersten Lehrjahr 1007 Euro. Bis zum vierten Lehrjahr steigt dieser Betrag auf 1179. Nach Angaben der IG Metall Zwickau zahlen Firmen der Branche mit Haus- oder Anerkennungstarifvertrag im ersten Lehrjahr etwa 830 Euro. Das Kfz-Handwerk, dazu gehören beispielsweise Autohäuser, gibt den Lehrlingen deutlich weniger. Laut Tarif erhalten sie im ersten Lehrjahr 650 Euro. Renommierte Autohäuser in der Region mit Haustarif überweisen etwa 620. "Die Branche muss umdenken und die Berufe attraktiver gestalten, ansonsten bekommt sie keinen qualifizierten Nachwuchs mehr", sagte Jörg Brodmann, zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Zwickau. Lange Zeit waren Berufe in dem Handwerk bei jungen Männern sehr beliebt. Das Hobby zum Beruf machen und täglich mit Autos zu tun zu haben, war der Traum vieler. Mittlerweile hat sich das geändert. "Das liegt auch an den Lehrlingsvergütungen", mutmaßt Brodmann.

Die Attraktivität der Ausbildung sieht Anett Strobel, Chefin des Hotels "First Inn" am Kornmarkt in Zwickau, als Voraussetzung für die Besetzung der Lehrstellen. "Die meisten Bewerber erkundigen sich bereits beim Vorstellungsgespräch nach dem Lehrlingslohn." Das Unternehmen ist nicht tarifgebunden, orientiert sich bei der Entlohnung allerdings am Hotel- und Gaststättentarif. Lehrlinge im ersten Lehrjahr erhalten laut Strobel deutlich über 500 Euro, im dritten Lehrjahr sind es mehr als 800. Das sei gerechtfertigt. "Viele junge Frauen und Männer wollen schon auf eigenen Füßen stehen. Außerdem muss es bei der Bezahlung fair zugehen", sagte die Hotelchefin. Sie bietet Schülerinnen und Schülern an den Schulen Bewerbungstraining an. Für das kommende Ausbildungsjahr hat sie dadurch drei Interessenten gewonnen.

Dass die Höhe der Ausbildungsvergütung wesentlich für den Berufsnachwuchs ist, weiß auch Anke Herzog. "Wenn man jung ist, hat man viele Wünsche und muss zumeist das Leben größtenteils schon selbst finanzieren", sagte die Chefin der Heimbetriebsgesellschaft Kirchberg mit mehreren Pflegeheimen und einem ambulanten Pflegedienst. Zudem sei der Personalbedarf in der Pflegebranche und damit auch der Wettbewerb um Lehrlinge groß. Das Lehrlingsentgelt liegt bei dem Unternehmen über dem von der Bundesbildungsministerin angedachten Mindestlohn.

Dass bestimmte Branchen sehr um den Nachwuchs kämpfen müssen und dabei das Lehrlingsentgelt eine wichtige Rolle spielt, bestätigt auch Thomas Lindner, Chef der gleichnamigen Strumpffabrik in Hohenstein-Ernstthal. "Wir zahlen mehr als 504 Euro", sagte er.

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