Mit dem Zug in Richtung Freiheit

30 Jahre Wende: Wie erlebten Menschen in unserer Region diese Zeit? Darüber berichten wir in einer neuen Serie. Heute: eine strapaziöse Bahnreise in die BRD.

Zwickau.

Im Frühherbst 1989 verbrachten wir - meine Frau Angela, unsere beiden Kinder und ich, Andreas Wohland - erholsame Tage im vogtländischen Jocketa. Nur wenige hundert Meter vom Feriendomizil entfernt rollten die Flüchtlingszüge in Richtung Hof vorüber. "Natürlich haben wir das mitbekommen. Nicht nur im Westfernsehen flimmerten die Bilder über die damals noch schwarz-weiße Mattscheibe. Auch für die Leute im Ort und in den Gaststätten war es in diesen Tagen das Hauptgesprächsthema. Ich bin mir sicher, dass wir mindestens einen dieser Züge selbst gesehen haben", erinnert sich meine Frau, die jetzt 57 Jahre alt ist.

Was sie damals gefühlt hat, kann sie heute nur noch schwer nachvollziehen. Aber es war auf alle Fälle ein Wechselbad der Gefühle, denn zu aufregend und ungewiss seien die Zeiten gewesen. Eines jedoch hätte sie in jenen Tagen nicht für möglich gehalten: Wenige Woche später saß sie selbst in einem Zug, der über die innerdeutsche Grenze fuhr.

Allerdings wurde das Ganze für sie zu einem zwar unvergesslichen, aber auch strapaziösen Abenteuer. Denn nach den Ereignissen des 9.November hatte sich der "Familienrat" darauf geeinigt, dass zunächst die Frauen von der neuen Reisefreiheit profitieren sollten. "Andreas stellte sich am 10. November auf dem Zwickauer Hauptbahnhof an, um die Fahrkarten für mich, meine Mutti und eine befreundete Frau aus unserem Haus zu holen. In den frühen Morgenstunden des folgenden Tages - ich hatte in der Nacht vor Aufregung kaum ein Auge zugemacht - fuhr uns mein Vati mit dem Trabi zum Hauptbahnhof. In Anbetracht der dort schon wartenden Massen mussten wir erkennen, dass ein Weiterkommen von Zwickau fast ein Ding der Unmöglichkeit war", erinnert sie sich.

Als Alternative blieb nur, kurzerhand mit dem Trabi in Richtung Hof zu tuckern. Dummerweise hatten auch andere Leute diese Idee. "Irgendwann standen wir dann in einer endlosen Fahrzeugkolonne. Wir hatten keine Ahnung, wo wir uns befanden, wie weit es noch bis zur Grenze war, und ob wir dort eigentlich auch rüberkommen würden. Nach einer gefühlten Ewigkeit schwante uns, dass das nichts werden würde. In der Hoffnung, vielleicht in Plauen einen Platz im Zug nach Hof zu erwischen, hat uns mein Vati dann zum dortigen Bahnhof gefahren."

Dort herrschten jedoch die gleichen chaotischen Zustände wie in Zwickau. Menschen über Menschen. Hinzu kam die Hiobsbotschaft, dass die Züge überfüllt seien und durchfahren würden. "Einer hat dann doch angehalten, und wir konnten uns reindrängeln. Aber je näher wir der Grenze kamen, umso mulmiger wurde es mir. Dann hielt der Zug in Gutenfürst plötzlich an, und wir wurden aufgefordert, alle auszusteigen und die Ausweise parat zu halten. War die Grenze etwa wieder dicht? Sollten wir womöglich verhaftet werden? Sollten uns die Ausweise abgenommen und so die Rückkehr verwehrt werden? Keiner wusste, was los war."

Letztendlich erwiesen sich die Befürchtungen zum Glück als unbegründet. Die Grenzer versuchten in diesem für sie fast gesetzlosen Raum lediglich, ihre Arbeit zu machen, drückten in jedes Personaldokument einen Stempel - und gut war es. Danach ging die Fahrt weiter. "In dem Augenblick, als sich der Zug in Bewegung setzte, fiel uns allen spürbar ein Stein vom Herzen. Gegen Mittag kamen wir schließlich in Hof an. Als wir aus dem Bahnhof kamen, war dort eine Menschenschlange, wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte. Die Leute standen alle an, um ihre 100 Mark Begrüßungsgeld in Empfang zu nehmen." Meine Frau und ihre beiden Begleiterinnen reihten sich ein. Nach mehreren Stunden geduldigen Wartens hielten auch sie endlich die begehrten 100 Mark West in den Händen.

Viel Zeit, das Geld auszugeben, blieb ihnen jedoch nicht. Eine knappe halbe Stunde bis zur Abfahrt des Zuges in die sächsische Heimat reichte gerade so aus, um in einem kleinen Geschäft in einer Seitenstraße Mandarinen und Bananen für die Kinder einzukaufen. "Der Mann in dem Laden drückte mir als Geschenk eine ganz kleine Uhr zum Hinstellen in die Hand. Die stand dann mehrere Jahre auf meinem Schreibtisch."

Rückblick auf die erste Fahrt in den Westen: "Es war nervenaufreibend, körperlich eine Tortur, aber auch ein unvergessliches Erlebnis. Trotzdem war ich froh, am Abend wieder bei meiner Familie zu sein." Wäre für meine Frau Angela zu dem Zeitpunkt absehbar gewesen, dass es wenige Monate später zur Wiedervereinigung kommen würde, hätte sie sich wohl kaum den Mühen dieses ersten Westabstechers unterzogen. (awo)

Wie war Ihr Wendejahr 1989? Schreiben Sie uns, damit wir Geschichte(n) erzählen können. Am besten per E-Mail an die Adresse red.zwickau@freiepresse.de. Betreff: Wendejubiläum.

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