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Mörder fühlt sich als Robin Hood

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AKTE WESTSACHSEN Die "Freie Presse" blickt auf spektakuläre Straftaten der Vergangenheit zurück: Heute: Ein Mann hatte es auf das Geld abgesehen, das sich Kartenspieler abends in einer Gaststätte erspielt hatten.

Zwickau.

Der Zwickauer Kaufmann Franz Stein war guter Dinge, als er am Abend des 14. Oktober 1627 vom Gasthaus "Vor dem niederen Tor" (etwa ab 1650 "Goldener Becher", später Haus der DSF) auf dem Weg nach Hause war. Der Abend hatte sich für ihn gelohnt. Beim Kartenspiel hatte er viel Geld gewonnen. Er pfiff vor sich hin, als er die Korngasse durchquerte. Von einer Hausecke aus beobachtete ihn eine Person in einem dunklen Umhang. Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen war nicht zu erkennen, wer dort lauerte. Franz Stein fiel nicht auf, dass er verfolgt wurde. Der Angriff erfolgte überraschend und von hinten. Mit fünf Messerstichen ging der Kaufmann zu Boden, wo er verblutete. Dass ihm sein Mörder den Geldbeutel abnahm, hat er vermutlich schon nicht mehr mitbekommen. Dem Täter war die Kapuze verrutscht. Hätte es Zeugen gegeben, hätten sie zumindest einen Mann identifiziert. Die Ermittler des Rates der Stadt waren ratlos. Ein Mord mitten in der Stadt - bisher war das undenkbar. Tagelang wurden alle Zwickauer befragt, die ihnen in den Weg kamen. Doch es gab keinen Hinweis auf einen Täter. Niemand hatte etwas gesehen oder gehört.

Drei Wochen nach der Bluttat herrschte im Gasthof "Vor dem niederen Tor" Hochbetrieb. Niemand achtete auf den Mann in einem dunklen Umhang, der von einer Ecke aus die Kartenspieler beobachte. Wie der Wirt später aussagte, habe sich der seltsame Gast sehr lange an einem Krug Bier festgehalten. Als die Kartenspieler das Gasthaus verließen, folgte ihnen der Mann - jetzt schon mit der tief ins Gesicht gezogenen Kapuze, wie sich der Wirt erinnerte. Seit dem Mord an Franz Stein waren die Zwickauer aufgeschreckt. Abends und nachts waren nur noch wenige Menschen unterwegs. Auch die Kartenspieler hatten ihr Geld zur Vorsicht in ihren Stiefeln versteckt. Nachdem sie die Wache am niederen Tor passiert hatten, trennten sich die Männer.

Magnus Granz hatte es nicht mehr weit bis nach Hause. Doch dort kam er nie an. Der Mann im schwarzen Umhang hatte der Wache ein paar Münzen zugesteckt, und schon befand auch er sich innerhalb der Stadtmauer, obwohl er dort, wie sich später herausstellte nichts zu suchen hatte. Auch Magnus Granz wurde von hinten erstochen und verblutete auf der Straße, während der Mörder mit seinem Geld verschwand. Den rechten Stiefel hatte er achtlos neben dem leblosen Körper zurückgelassen.

Im Rat der Stadt und auch unter den Einwohnern nahm die Unruhe zu. Das bekam auch der Wirt des Gasthofes zu spüren. Am Abend kamen deutlich weniger Gäste. Die Ermittler des Rates hingegen tappten nach wie vor im Dunkeln. Auch nach dem zweiten Mord fehlte noch jeder Hinweise auf einen möglichen Täter. Deshalb wurde eine Art Nachtwache organisiert, die bei Dunkelheit die Stadt durchstreifte. Doch auch die zusätzlichen Wachposten brachten keinen Durchbruch. Der zweifache Mörder war noch immer nicht gefasst.

Am ersten Advent des Jahres 1627 hatte sich die Vorsicht zumindest unter den Besuchern der Gasthauses wieder gelegt. Auch der Mann im schwarzen Umhang saß wieder auf seinem Platz in der Ecke und wirkte scheinbar teilnahmslos. Dass er die Kartenspieler genau im Blick hatte, fiel offenbar nur dem Wirt auf. Als die Kartenspieler und der mysteriöse Gast wieder fast gleichzeitig das Lokal verließen, kam dem Wirt ein Verdacht. Er schickte seinen Sohn los, um die Ermittler zu informieren.

Doch diese waren in der Zwischenzeit auch mit ihren Ermittlungen vorangekommen. Am Nachmittag hatte eine Markthändlerin beobachtet, wie die Torwache am niederen Tor mit Geldmünzen bestochen worden war. Ein Mann in einem dunklen Umhang und mit Kapuze war danach ohne Probleme in die Stadt gelangt. Sie kannte den Mann. Sie hatte ihn schon einmal beim Stehlen an ihrem Stand erwischt. Damals war Michael Tesch aus Weißenborn noch mit einem milden Urteil davongekommen. Er musste für sieben Tage in den Kerker. Die Markthändlerin meldete die Bestechung samt dem Namen des Mannes dem Rat. Die Ermittler machten sich auf die Suche, konnten ihn jedoch nirgends finden.

Michael Tesch hatte an jenem Abend aus der Entfernung sehr genau beobachtet, dass am Stadttor nicht wie abgesprochen sein Bruder stand, sondern ein anderer Torwächter. Irgendetwas musste passiert sein. So konnte er nicht hinter die Stadtmauer gelangen. Er änderte seinen Plan und griff Friedrich Krautner, einen der Kartenspieler, in einer dunklen Ecke vor dem Stadttor an. Neun Messerstiche töteten den Böttcher. Doch der hatte sein Geld gut versteckt, sodass Tesch eine Weile suchen musste. Dabei hatte er übersehen, dass neben dem fremden Torwächter noch zwei weitere Personen das Geschehen in der Gasse beobachteten. Die Ermittler des Rates schafften es, sich unbemerkt zu nähern und Michael Tesch festzunehmen. Der Mann bestritt die Morde. Er sei nur zufällig vorbeigekommen, und da habe er bei dem am Boden liegenden Mann nach Geld gesucht. Die Ermittler taten sich schwer, ihm das Gegenteil zu beweisen. Fast wäre Tesch wieder freigelassen worden, als ihm kurz nach dem Jahreswechsel ein Versprecher zum Verhängnis wurde. Er beschuldigte plötzlich Franz Stein, den Geldbeutel, den er bei ihm gefunden hatte, selbst gestohlen zu haben. Die eingestickten Initialen passten aber nicht zu seinem Namen. Tesch versuchte zu retten was jetzt nicht mehr zu retten war. Er habe den Geldbeutel dem Besitzer zurückgeben wollen. Dass es sich um die Initialen von Steins Ehefrau handelte, konnte Tesch nicht wissen. Für die Ermittler war jetzt klar, dass der Mann aus Weißenborn ein dreifacher Mörder war.

Am 18. Mai 1628 musste sich Tesch vor dem Stadtgericht verantworten. Die Richter machten keinen Hehl daraus, dass sie mit einem Verbrechen mit derartigem Ausmaß noch nie zu tun hatten. Der Angeklagte war in schlechter Verfassung. Die Monate in Haft hatten ihm zugesetzt. Ob er zur Erzwingung eines Geständnisses gefoltert wurde, geht aus den erhaltenen Unterlagen nicht hervor. Nur zögernd und widerwillig gestand er schließlich die Morde. Das Geld habe er an arme Menschen in seinem Heimatort verteilt, erklärte er dem Gericht. Er habe nichts für sich behalten.

Michael Tesch wurde zum Tode am Galgen verurteilt. Vier Tage später wurde das Urteil vollstreckt. Die Ratsherren ließen auch nach dem Tod des selbst ernannten Robin Hoods weiter nach dem geraubten Geld suchen. Alle Verwandte, Freunde und Bekannte wurden befragt und deren Wohnungen durchsucht. Gefunden wurde das Geld nie.

Der Fall wurde nach Unterlagen rekonstruiert, die im Staatsarchiv Chemnitz eingelagert sind.

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