Mordkomplizin erneut verurteilt

Wegen einer Lappalie wäre eine 19-Jährige beinahe ins Gefängnis gewandert. Das Gericht entschied sich allerdings für Hilfe statt Strafe.

Mit 0,61 Gramm Marihuana ist eine heute 19-jährige Zwickauerin am 1. März dieses Jahres am Römerplatz in Zwickau geschnappt worden. Am Montag musste sie sich deswegen vor Gericht verantworten. Klingt nach einer Lappalie. Doch das Jugendschöffengericht am Amtsgericht beschäftigt sich nicht mit Lappalien.

Die junge Frau stand unter Bewährung wegen eines Falls, der weit über die Region hinaus für Schlagzeilen gesorgt hatte: Sie war wegen Beihilfe zum Mord und wegen Raubes zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt worden, die zu einer dreijährigen Bewährungsstrafe ausgesetzt wurde. Sie war als 17-Jährige dabei, als ihr 20-jähriger Freund am 10. November 2017 einen 45-jährigen Mann aus Gera erstach. Grund: Das Paar war scharf auf dessen Auto, mit dem sie in die Schweiz fliehen wollten. In der Fulda entsorgten sie die Leiche. Einige Tage später wurden sie in Frankfurt am Main allerdings aufgegriffen.

Am Montag nun gab die schmächtige junge Frau zu, Marihuana bei sich gehabt zu haben. Ihr gehe es psychisch nicht gut, "die Familie hat mich verstoßen." Von Bekannten werde sie angefeindet: "Ich habe niemanden." Im Juni hatte sie sich allerdings Hilfe gesucht und war zu einer Entgiftung. Mitte November will sie eine Therapie antreten, mit deren Hilfe sie nicht nur von den Drogen loskommen, sondern auch ihr Trauma bewältigen will. Ihre Anwältin Diana Enzinger, die sich für die junge Frau mächtig ins Zeug legte, konnte die entsprechende Unterlagen dazu vorlegen.

Seit dem Sommer hat sie einen Betreuer. Der erklärte vor Gericht, dass sie zuverlässig und termintreu sei. Die 120 Arbeitsstunden, die ihr das Landgericht auferlegt hatte, seien absolviert. Allerdings kämpfe sie noch mit einem Schuldenberg von rund 6000 Euro. Mittlerweile sei es gelungen, Hartz IV und Kindergeld zu bekommen. Das sei nicht einfach gewesen, die eigene Mutter hatte nicht kooperiert und die nötige Unterschrift versagt.

Der Vorsitzende Richter, Stephan Zantke, glaubte seinen Ohren nicht zu trauen, als er erfuhr, dass die im Juni 2018 Verurteilte erst seit zwei Wochen einen Bewährungshelfer an ihrer Seite hat. Wie Enzinger erklärte, war es einem überlasteten Gericht geschuldet, dass das nicht früher gelang. Der Bewährungshelfer konnte noch nicht viel sagen. Eine entscheidende Zuarbeit habe seine Mandantin allerdings bis heute nicht geliefert: den Nachweis, dass sie aktuell drogenfrei ist. Der sei Voraussetzung für die Therapie.

Nach Angaben der Jugendgerichtshelferin, die bei der jungen Frau durchaus schädliche Neigungen erkannte, die sich aber dennoch für Hilfe statt Strafe aussprach, hatte die junge Frau einen schweren Start. 2009 trennten sich die Eltern, danach hatte die Mutter wechselnde Partner. "Vielleicht 30, wir Kinder hatten da keinen Überblick", sagte die Angeklagte. Das Mädchen musste sich um die jüngeren Geschwister kümmern, fühlte sich selbst aber vernachlässigt. Es gab häufig Streit mit der Mutter. Heute habe ihr die Mutter jeglichen Kontakt mit den Geschwistern untersagt. Im Dezember zog ihr leiblicher Vater bei ihr ein. Seine Lebensgefährtin hatte ihn vor die Tür gesetzt. "Er kriegt sein Leben derzeit nicht in den Griff, und ich wollte nicht, dass meine Geschwister erleben müssen, dass ihr Vater auf der Straße lebt", begründete sie das.

Staatsanwältin Daniela Schramm und Verteidigerin Diana Enzinger plädierten beide für eine Jugendstrafe unter Einbeziehung des ersten Urteils. Das Gericht folgte diesen Empfehlungen: Am Montag begann damit erneut eine dreijährige Bewährung für die junge Frau, die geständig war und therapiewillig sei. Das Gefängnis kennt sie bereits. Sieben Monate saß sie nach dem Mord in Untersuchungshaft.

Eingeschlossen in das Urteil sind die Forderungen, die Therapie am 13. November anzutreten und zu beenden. Gibt es nur einen Verstoß gegen die Bewährungsauflagen, kündigte Richter Zantke an, hart durchgreifen zu wollen: "Dann sperre ich Sie ein." Das wäre dann für zwei Jahre. Das Urteil ist rechtskräftig.

1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

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    Hankman
    29.10.2019

    Wieder mal so ein Fall, bei dem die üblichen Vorstellungen von Gut und Böse einem nicht weiterhelfen ... Ein Urteil mit viel Augenmaß. Ich hoffe, die junge Frau bekommt die Hilfe, die sie braucht, und sie kriegt die Kurve. Noch ein Hinweis: Für zwei Jahre müsste die junge Frau im Falle eines Falles nicht in Haft. Wenn sie bereits sieben Monate Untersuchungshaft hinter sich hat, würde diese Zeit von einer möglicherweise zu vollstreckenden Haftstrafe abgezogen. Da es im Jugendstrafrecht die Möglichkeit gibt, bei guter Führung und guter Sozialprognose nach der Hälfte der zu verbüßenden Zeit die Reststrafe zur Bewährung auszusetzen, könnte sie im besten Fall nach fünf Monaten wieder freikommen.



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