Mülsener mischt beim Skatgericht mit

Sieben Männer entscheiden bei kniffligen Fragen, wer Recht und Unrecht hat am Tisch. Sie verbindet die Leidenschaft zu einem Spiel, das in Deutschland nicht als Sport angesehen wird.

Zwickau.

Sie tragen keine schwarzen Roben, sondern weiße Hemden und rote Krawatten. Sie verfügen über keinen eigenen Gerichtssaal, sondern treffen sich zumeist in einem Hinterzimmer des Hotels am Roßplan in Altenburg. Doch wie echte Richter fällen auch sie Entscheidungen - zu Streitfällen unter Skatspielern: die Mitglieder des Internationalen Skatgerichts. Einer der Richter kommt neuerdings aus Mülsen: Frank Zahn.

Gelegt ist gelegt? Auf alle Fälle. Das Skatgericht kennt da selbst bei einer verdeckt auf dem Tisch liegenden Karte kein Pardon. Eine Karte gilt dann als gespielt, wenn sie komplett auf dem Tisch liegt, heißt es in einer Entscheidung aus dem Jahr 2018.


Nahezu täglich trudelt beim Gericht eine Frage ein, die meisten beantwortet Präsident Hans Braun gleich selbst. Viele Streitfälle sind nicht neu. Brenzlige Sachen klärt das Gericht bei seinen turnusmäßigen Treffen.

In Deutschland beherrschen etwa 20 Millionen Bürger das Skatspiel, sagt Zahn und versichert, dass jeder Hobbyspieler das Gericht anrufen darf. Er ist mit seinen 32 Jahren das jüngste Mitglied des Skatgerichtes, seit diese Institution ins Leben gerufen wurde. Das Deutsche Skatgericht wurde 1927 in Altenburg gegründet. Die fünf Mitglieder bilden mit zwei weiteren Deutschen auch das Internationale Skatgericht.

Doch wer glaubt, dass die Juroren die Fahne des Altenburger Skatblattes hochhalten, irrt. Bei Turnieren wird mit dem französischen Blatt gespielt. Und darauf ist Karo keineswegs Rot, sondern Gelb, und Pik ist nicht Schwarz, sondern Grün, erklärt Zahn, der freilich weiß, dass in vielen Lokalen, in denen sich muntere Skatrunden regelmäßig treffen, die Altenburger Farben hochgehalten werden.

Stechen und Reizen - der gebürtige Zwickauer, der in Steinpleis aufwuchs und nun in Mülsen wohnt, ist seit seinem 13. Lebensjahr von dem Spiel fasziniert. Sein Großvater hatte es ihm beigebracht. In den Unterrichtspausen spielte er seine ehemaligen Klassenkameraden Schwarz oder Schneider. Oder die ihn.

Ein ehemaliger Klassenlehrer seiner Mutter nahm ihn irgendwann mit in den 1. Zwickauer Skatsportclub Grand Ouvert 89. Auf der Kartbahn in Mülsen nahm er als Teenager an ersten öffentlichen Turnieren teil. 2002 bestritt er in der Schülermannschaft ein erstes großes Turnier im Sauerland. Mit 19 Jahren nahm er an seiner ersten Skat-WM auf den Bahamas teil. Wegen der Spiele hat er schon die halbe Welt bereist: Paraguay, USA, Südafrika, Spanien, Frankreich, Österreich, Polen.

Mit 17 machte er seinen Schiedsrichterausweis. "Ich habe mich selbst gewundert, dass mich die alten Hasen trotz meiner Jugend ernst genommen haben. Aber bisher hat keiner meine Entscheidungen wegen meines Alters angezweifelt." Zahn scheute sich nie, im Verein, der heute Mitglied der 1. Bundesliga ist, Arbeiten im Hintergrund zu erledigen. Seit 2006 ist er in der Zwickauer Verbandsgruppe als Schiri-Obmann Vorstandsmitglied. Seit 2008 kümmert er sich zudem als Spielleiter im Landesverband um die Organisation des Ligaspielbetriebs. Im November wurde er ins Skatgericht gewählt. Das kümmert sich um Skatgerichtsentscheidungen und die Internationale Skatordnung, das Regelwerk für alle Skatspieler. "Es geht viel Freizeit dafür drauf, aber ich mach's gern", sagt Zahn und ist froh darüber, dass Freundin Sabine Hornung seine Leidenschaft teilt. Gelegentlich treten beide als Duo an, und das recht erfolgreich: 2017 holten sie bei einem offenen Mixed-Turnier in Radebeul einen Pokal.

Zahn bedauert, dass das Spiel, bei dem man stechen und schnippeln darf, in Deutschland nicht als Sport, sondern als Glücksspiel angesehen wird. Wäre es ein Sport, wäre er vielleicht populärer, mutmaßt der Elektrokonstrukteur. Zwar spielen etliche auch online Skat. In den Vereinen aber fehle es an Nachwuchs. Spiele wie Poker sind da offenbar interessanter, das lernt man schneller.

Darf man beim Skatspielen nun sein Bierchen oder Likörchen schlürfen? Sicher, sagt Zahn und gibt zu, sich selbst meist nur Limo, gelegentlich aber auch ein Hefeweizen zu gönnen. "Man muss sich wohlfühlen bei einem Turnier, es darf halt nur nicht ausarten."

Darf man nun seine Mitspieler als "Maurersau" oder "Beckenrandschwimmer" titulieren? Zahn: "Über allem, auch bei vielen Entscheidungen, zu denen ein Schiedsrichter hinzugerufen wird, gilt Regel 1.1.5: Alle Teilnehmer haben sich in jeder Situation fair, sachlich und sportlich zu verhalten und kein fadenscheiniges Recht zu suchen."

"Oma-Blätter" wie ein Grand Ouvert, das oft in Bilderrahmen ausgestellte Blatt, haben für den leidenschaftlichen Skatspieler keinen Reiz. "Hatte ich auch schon, und die bringen auch viele Punkte, aber ich freue mich mehr, wenn ich ein Spiel mit ganz schlechten Karten gewinne." Das könnte man freilich auch den Gegnern überlassen. Aber wenn Punkte hermüssen, traut sich Zahn eben auch Spiele zu, wo er sozusagen aus jedem Dorf einen Köter hat. 18 hat man immer? "Naja fast immer", sagt Zahn lachend.


Ziel ist mehr Spielfluss

Das Skatgericht beschäftigt sich nicht nur mit Kartenspielen und Regeln, es veranstaltet auch Benefizturniere. Kürzlich fand eines davon in Zwickau statt. Der Erlös (500 Euro) ging an die Lukaswerkstatt in Planitz.

Wichtigste Änderung im Jahr 2018: Ein Alleinspieler, der seine Karten auf den Tisch legt und damit suggeriert, alle Stiche zu bekommen, gewinnt auch, wenn die Gegner weiter spielen wollen und ihn stechen können, er aber die zum Sieg nötige Augenzahl bekommt. Er gewinnt mit den nötigen Augen selbst dann, wenn seine Ansagen ("Ich spiele euch Schneider" oder "Ihr bekommt noch einen Stich") nicht zutreffen. Hintergrund dieser Änderung ist laut Frank Zahn, dass der Spielablauf flüssiger wird und sich mehr zutrauen, das Spiel derart abzukürzen. Vorher hatte man verloren, wenn nicht eintrifft, was man sagt. (upa)

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