Nach 125 Jahren: Bahnhofsbahn auf ihrer vorerst letzten Fahrt

Seit Freitag sind die Linien 5 und 7 bis auf weiteres Geschichte. Die "Freie Presse" hat die letzte Reise begleitet.

Zwickau.

Der Abschied von den Straßenbahnlinien 5 und 7 verlief am Freitagabend still und unspektakulär - am Anfang zumindest. Zehn Fahrgäste beförderte Straßenbahnfahrer Lutz Müller vom Georgenplatz zum Hauptbahnhof, wo noch ein letztes Mal ein großer Bahnhof wartete.

Zahlreiche Hobbyfotografen hatten sich versammelt um ein letztes Bild von einer Tram am Hauptbahnhof zu schießen. Mit einem Trauerflor an den Türen, den eine Frau dort angebracht hatte, und unter musikalischer Begleitung setzte Müller die 20 Tonnen schwere Bahn mit der Nummer 947 pünktlich um 17 Uhr in Bewegung in Richtung Pölbitz. Begleitet wurden die letzten Meter am Hauptbahnhof von einem Blitzlichtgewitter, der Alarmklingel der Bahn und dem Gesang eines Chores, dessen zehn Mitglieder es sich auf den Plätzen gemütlich gemacht hatten. Auf bekannte Weihnachtslieder hatten die straßenbahnbegeisterten Lokalpolitiker Martin Böttger, Wolfgang Rau und Karl-Ernst Müller neue Texte verfasst, die sich alle um die Tram und den Bahnhofsvorplatz drehten.

So eine stimmungsvolle Fahrt war auch für Lutz Müller neu, der seit 14 Jahren Straßenbahnen fährt. Schon vorher hatte der 55-jährige sein Andenken an die letzte Fahrt bekommen. Ein Kollege holte während des Zwischenstopps am Georgenplatz die Fahrplanaushänge der beiden Linien aus dem Schaukasten und überreichte sie ihm. Es war reiner Zufall, dass Lutz Müller diesen Dienst hatte. "Das ist weder eine Auszeichnung noch eine Strafe", sagte er. Dennoch fuhr er mit einem lachenden und einem weinenden Auge zum letzten Mal die Bahnhofstraße hoch. "Es ist ein Armutszeugnis, dass die Stadt, die sich der Elektromobilität verschrieben hat, das größte Elektrofahrzeug nicht mehr zum Bahnhof fahren lässt", sagte er. Aber Müller hat Hoffnung, dass der Betrieb in vielleicht drei Jahren wieder aufgenommen werden kann. "Das allerdings hängt alles von den Plänen für den Bahnhofsvorplatz ab." Was Lutz Müller hingegen nicht vermissen wird, sind die Fahrzeuge, die im Gleisbereich der Bahnhofstraße geparkt waren. "Sonst war die Strecke nicht besonders anspruchsvoll. Höchstens, dass es bergauf ging."

Im Oktober hatten die Städtischen Verkehrsbetriebe Zwickau (SVZ) überraschend bekannt gegeben, dass sie mit dem Fahrplanwechsel die Fahrten zum Hauptbahnhof vorerst einstellen. Als Grund gaben sie die verschlissenen Gleise vor allem im Kurvenbereich des Bahnhofsvorplatzes an. Seit Jahren wird ohne greifbares Ergebnis über dessen Umgestaltung diskutiert. Im Zuge des Umbaus sollen neue Straßenbahngleise verlegt werden. Die Stadtverwaltung will Anfang 2020 dem Bauausschuss Varianten vorlegen. Wenn dann schnell eine Entscheidung fällt, eine rasche Ausschreibung möglich ist und ein unkomplizierter Bau erfolgt, könnte die Straßenbahn demnach frühestens in drei Jahren wieder zum Hauptbahnhof fahren.

Die Fahrgäste sahen das Aus für die Linien zum Bahnhof mit gemischten Gefühlen. Irmgard Wolter war überrascht, in der letzten Bahn zu sitzen. "Davon wusste ich ja bisher gar nichts", sagte sie. Theo Kleinschmidt: "Es ist bedauerlich, dass es die Bahn jetzt mehr geben wird. Für die Stadt eine Schande, dass es so weit kommen musste." Aus Sicht des Umweltschutzes sah es Jens Fokken: "Da wollen wir die Luft reinhalten und jetzt fahren auf der Strecke noch mehr Busse."

Mit der letzten Bahn endete am Freitag um 17 Uhr eine 125-jährige Geschichte. Am 6. Mai 1894 fuhr die erste fahrplanmäßig verkehrende Straßenbahn um 5.14 Uhr am Bahnhofsvorplatz los. Hoffnungen setzen die Befürworter der Straßenbahn jetzt nur noch in die Sitzung des Stadtrates am Donnerstag. Dort will die Fraktion SPD-Grüne-Tierschutzpartei mit einem Antrag erreichen, dass doch schon vor dem Umbau des Bahnhofsvorplatzes die Gleise notrepariert werden. Die SVZ hatten so ein Ansinnen mit Verweis auf die Kosten von mehreren hunderttausend Euro abgelehnt. Das sei unwirtschaftlich, hieß es.

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