Nazis gefiel der Hauptmarkt nicht

Neun Jahrhunderte, erzählt in einem Jahr - Teil 63: Der geplante Umbau des Hauptmarktes

Zwickau.

Am 17. Juli 1937 überraschte die Zeitung "Zwickauer Tageblatt und Anzeiger" ihre Leser mit einer ganzseitigen Geschichte über den Umbau des Hauptmarktes. Der Zwickauer Oberbürgermeister Ewald Dost hatte bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten ein Architekturbüro. In seiner Amtszeit entstanden in Zwickau bis zum Kriegsbeginn etliche Neubauten. Dazu gehörten unter anderem die Verbreiterung der Äußeren Plauenschen Straße, die Neubauten Ringkaffee, Stadtbank AG (heute Commerzbank), der Schwanenbrunnen, der Schlageterplatz (Ernst-Schneller-Platz), die Neubauten an der Schwanengasse, der Umbau des Rathauses, die Südkampfbahn (Westsachsenstadion) und vieles mehr. Weitere Großbauten waren geplant. So sollten am Hindenburgplatz (Platz der Völkerfreundschaft) unter anderem ein neues Rathaus und ein Haus für die NSDAP errichtet werden. Westlich der Crimmitschauer Straße sollte ein großes Stadttheater entstehen - ebenfalls wuchtig und im Geist der NS-Zeit. Mit den Plänen sollten die Zwickauer begeistert werden, denn gerade war der Zweite Weltkrieg ausgebrochen. Jedoch gab es ein "Aber" bei all diesen Plänen: Alles würde erst gebaut, wenn der Krieg siegreich beendet wäre.

Diese nicht gehaltenen Versprechungen bezüglich der Baupläne betrafen auch die Planung für den Zwickauer Hauptmarkt, obwohl bis zum Kriegsbeginn noch zwei Jahre verblieben.

Im Folgenden werden Passagen aus der Zeitung zitiert und kommentiert: "In Verbindung mit der beabsichtigten Errichtung eines Bergmannsdenkmals, das am 1. Mai kommenden Jahres bereits als Denkmal der Arbeit geweiht werden soll, sowie in Verbindung mit der Schaffung eines stadtgeschichtlichen Brunnens, der von einem alteingesessenen Bürger Zwickaus gestiftet wurde, soll der Zwickauer Hauptmarkt durch Umgestaltung der Gebäude, die sich in die einheitliche Plangestaltung nicht einfügen, ein einheitliches Gepräge bekommen." Dieses "Denkmal der Arbeit" wurde vom Herausgeber der Zeitung gestiftet. Eine Holzattrappe veranlasste die Stadtführung jedoch, das Denkmal auf den Bahnhofsvorplatz zu stelle, wo es lediglich vier Jahre stand, da der Krieg ständig Metall für Waffen und Munition forderte. Der Brunnen sollte etwa dort angelegt werden, wo heute (wieder) das Robert-Schumann-Denkmal steht. Er wurde aber nie gebaut. Dafür befindet sich seit 1968 vor dem Gewandhaus der Brunnen "Der Kinderreigen".

"Es wird niemanden geben, der die Umgestaltung nicht mit herzlicher Freude begrüßt. Man sehe sich einmal genau das Konglomerat der Verschnörkelungen und sinnlosen Aufbauten auf dem jetzigen Hauptmarkt an und vergleiche das unruhige Bild mit den klaren und geraden Linien auf dem Modell." Zahlreiche repräsentative Bauten dieser Zeit (in Zwickau unter anderem das geplante Theater und das Rathaus) sollten im Stile des Neoklassizismus gestaltet werden.

Im Einzelnen waren auf dem Hauptmarkt folgende Maßnahmen geplant: Die großen Kandelaberlaternen hätten modernen Lampen weichen müssen. Das Eckhaus zur Hauptstraße (mit dem Kaffee "Markteck") und die danach stehenden zwei- bis dreietagigen Häuser Nr. 1-5 (stehen noch) sollten einem Viergeschosser weichen. Die Gebäude an der Nordseite des Hauptmarktes (Nr. 14-18) sollten "versachlicht" und vereinheitlicht werden. "Sinnlose Verschnörkelungen und Türmchen" und der Zinnenschmuck im Mittelteil des Rathauses wurden "als grauenvolles architektonisches Durcheinander" bezeichnet.

Allerdings sollte der "Goldene Anker" die alte Fassade mit dem Staffelgiebel und dem Erker aus der Mitte des 19. Jahrhunderts wiederbekommen. Sie hätte sicherlich schön zum Gewandhaus gepasst. Auch beim Umbau nach 1990 wurde darauf verzichtet.

Eine weitere Veränderung wurde im Zweiten Weltkrieg "geschaffen". Am 19. März 1945 zerstörten amerikanische Bomben das Stadthaus III. Der Plan, das Haus wieder aufzubauen, wurde weder in der DDR noch nach der Wiedervereinigung Deutschlands in die Tat umgesetzt. Ein Parkplatz erweitert heute den Hauptmarkt in Richtung Norden.

Wenn sich der Besucher heute den Hauptmarkt anschaut, kann er sich an den Baustilen der verschiedenen Jahrhunderte (damals als "sinnlose Stilwidrigkeit" verteufelt) erfreuen. Der Hauptmarkt lebt von Vielfalt. Es wäre schlimm, wenn die Planungen mit den einheitlichen Fassaden und Traufhöhen (damals als "stilvolle Einheitlichkeit" verherrlicht) alle in die Wirklichkeit umgesetzt worden wären.

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