Neue Regeln für Freiluft-Cafés - aber keiner hält sich dran

Gastwirte in Zwickau sollen Tische im Abstand von 1,20 Metern zur Hauswand aufstellen, damit eine Gasse für Behinderte bleibt. Nur herumgesprochen hat sich das noch nicht.

Zwickau.

Noch sind es bloß die Unerschrockenen, die ihren Kaffee im Freien trinken. Aber auch wenn das Wetter nicht so recht mitspielt, haben die Gastronomen in der Zwickauer Innenstadt längst ihre Tische und Stühle im Freien aufgestellt. Allerdings hält dabei kaum einer die neue Richtlinie ein, die schon im März in Kraft getreten ist. Demnach müssen Geschäftsinhaber einen Bereich von 1,20 Metern zur Hauswand freihalten, damit Behinderte sich möglichst barrierefrei fortbewegen können. Die entsprechende Sondernutzungssatzung betrifft das gesamte Stadtgebiet.

Wer über die Hauptstraße zum Hauptmarkt schlendert, sucht eine solche Gasse entlang der Häuserfront vergebens. Der Weg ist häufig unterbrochen durch Werbeaufsteller, Blumenkübel oder Freisitze von Gasthäusern. Woran liegt das? Viele Wirte jedenfalls sagen, sie seien bisher nicht informiert worden. "Mich hat niemand angesprochen, einen Brief habe ich auch nicht bekommen", sagt Federico Calligaro, dem das Eiscafé "Dolce & Freddo" gegenüber dem Rathaus gehört. Er habe nur vage davon gehört - aber ihn habe niemand aufgefordert, seine Tische weiter weg zu stellen.


Auch wenn sie die 1,20 Meter zur Hauswand nicht einhalten, lassen viele Gaststätten doch anderswo einen Korridor, sodass man zwischen den Tischen durchlaufen kann. Manche haben gar keine andere Wahl, als die Tische an die Hauswand zu stellen, wie die "Schickeria" an der Ecke zwischen Hauptmarkt und Innerer Schneeberger Straße. Dort ist der Bürgersteig recht schmal. "Wenn wir die Tische so weit wie gefordert wegstellen würden, dann wären sie doch schon mitten auf der Straße", sagt eine Mitarbeiterin. Dass die Regelung überhaupt existiert, weiß auch in der "Schickeria" niemand.

Eingeführt wurde die Abstandsregel auf Beschluss des Stadtrats. Besonders Linken-Stadträtin Irina Teichert hatte sich dafür stark gemacht, die im Ehrenamt zeitgleich Behindertenbeauftragte der Stadt ist. "Blinde orientieren sich an den Hausmauern", erläutert Teichert. "Wenn keine Gassen freigehalten werden, besteht die Gefahr, mit dem Langstock unter einen Stuhl zu geraten, aus dem Gleichgewicht zu kommen und zu stürzen." Durch die Abstandsregelung sollte die Stadt sicherer für Behinderte werden. Eine entsprechende DIN zur Barrierefreiheit empfehle sogar einen Abstand von 1,50 Metern. Teichert sieht die Stadt in der Pflicht, besser zu kontrollieren. "Überall stehen massig Stühle herum, aber keiner schert sich", kritisiert sie.

Das anscheinend aus gutem Grund. Obwohl die starre 1,20-Meter-Regelung am 22. März in Kraft getreten ist, denkt man im Rathaus offenbar darüber nach, Übergangsfristen und maßgeschneiderte Lösungen für Probleme an baulichen Ecken und schmalen Gehwegen zu schaffen. Eine offizielle Bestätigung dafür steht aber noch aus.

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