"Neumarkt als No-Go-Area? Unsinn!"

Linke-Fraktionsgeschäftsführer Sven Wöhl über seine persönlichen Erfahrungen mit dem Zwickauer Brennpunkt

Zwickau.

Vor wenigen Tagen hat Stadtratsmitglied Sven Wöhl den Stadtordnungsdienst eine Nacht lang bei Einsätzen begleitet. Michael Stellner hat mit ihm über seine Erkenntnisse gesprochen.

Freie Presse: Herr Wöhl, Sie sind eine Nacht lang mit dem Ordnungsamt auf Streife gegangen. Wie war Ihr Eindruck?

Sven Wöhl: Wir waren im ganzen Stadtgebiet unterwegs, nicht nur auf dem Neumarkt. Aber natürlich war der Neumarkt ein Fokus, dort sind wir bis zu 20-mal vorbeigekommen. Allgemein ist abends viel los in der Innenstadt, viele Leute sind zu Fuß unterwegs.

Wie war es auf dem Neumarkt?

Es ist definitiv nicht so, dass der Neumarkt eine No-Go-Area geworden wäre, wie das die AfD behauptet. Das ist Unsinn. Dort konzentriert sich abends eben das Leben, bedingt durch die Bus- und Straßenbahnhaltestelle. Viele Jugendliche saßen auf Bänken. Es war aber alles friedlich.

Wie ist es dort mit dem Lärm?

Natürlich hat auch mal einer ein Handy dabei, auf dem Musik läuft, man unterhält sich. Aber Ruhestörungen und laute Streitereien habe ich nicht gesehen. Die Ordnungskräfte wurden zu mehreren Ruhestörungen gerufen, aber nur ein einziges Mal auf den Neumarkt.

Was ist da passiert?

Die Mitteilung kam 22.15 Uhr über Funk, dass sich dort Anwohner wegen einer Ruhestörung beschwert haben. Als wir dorthin kamen, waren schon drei Polizeiautos da, und die Situation war beruhigt.

Drei Polizeiautos wegen einer nächtlichen Ruhestörung? Ist das nicht etwas viel?

Das kann ich nicht bewerten, aber nach allem, was man hört, handelt es sich um eine einzelne Familie, die jeden Abend die Polizei ruft. Ganz ehrlich: Wenn man von einer dörflichen Gegend in die Stadt zieht, an einen Umsteigepunkt von Bus und Bahn, dann kann man nicht erwarten, dass jeden Tag um 22 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt werden.

Es gibt Gastwirte, die beklagen, dass weniger Gäste kommen, weil sie Angst hätten, nachts über den Neumarkt zu laufen. Ist diese Angst rational?

Das ist eine Frage des Blicks und der eigenen Einstellung. Wie trete ich anderen Leuten gegenüber? Fürchte ich mich vor Fremden? Es gibt auch genügend Leute, die auf dem Neumarkt keine Angst spüren.

Die AfD macht vor allem Ausländer für Unruhe verantwortlich. Wie sehen Sie das?

Ich habe auf dem Neumarkt auch viele Deutsche gesehen, aber das ist nicht der Punkt. Zum einen ist mir nicht klar, wann für die AfD jemand Ausländer ist - bin ich zum Beispiel einer, wenn ich eine Oma aus Schlesien habe? Zum anderen ist es doch so: Wenn Menschen aus anderen Kulturkreisen kommen, die aus Gewohnheit ihre Freizeit im Freien verbringen, dann wird es eben auch einmal laut. Das war aber bei uns früher genauso, wir haben uns auch im Freien getroffen und ein Bier getrunken. Wir haben uns das nur mittlerweile abgewöhnt und sitzen lieber abends auf dem Sofa. Daran sollte man sich immer erinnern.

Die AfD-Kreisvorsitzende argumentiert ähnlich, kommt aber zu einem anderen Schluss. Für sie ist es Terror, wenn deutsche Arbeiter, die morgens um 6 Uhr aus dem Bett müssen, wegen Lärms nicht schlafen können.

Es gibt ja auch immer wieder Versuche, Kinderspielplätze in Wohngebieten zu verhindern, weil auch das Lärm mit sich bringt. Anstatt dass man sich über Kinder freuen würde. Ganz generell finde ich, dass wir wieder mehr miteinander reden sollten. Wenn der Nachbar zu laut war, hat man früher geklingelt und das Problem angesprochen. Heute ruft man gleich die Polizei.

Wie also lautet Ihr Fazit?

Wenn man Menschen integrieren will, dann schickt man ihnen nicht die Polizei, sondern Sozialarbeiter. Davon bräuchten wir auf dem Neumarkt mehr. Übrigens werden wir dem Stadtrat vorschlagen, vier zusätzliche Stellen im Stadtordnungsdienst zu schaffen.

Wieso?

Es gab in der Nacht eine brenzlige Situation mit betrunkenen, aggressiven deutschen Jugendlichen in einer Gartenanlage. Wäre da einer ausgetickt, hätten die zwei Mitarbeiter des Ordnungsamts keine Chance gehabt. Man sollte deshalb zumindest personell aufstocken.

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