"Neun Millionen Fahrgäste im Jahr"

SVZ-Geschäftsführerin Anett Glöckner im Interview

Zwickau.

Wohin geht die Reise? Im 126. Jahr ihres Betriebes ist die Straßenbahn in Zwickau das beliebteste öffentliche Nahverkehrsmittel. Mit Anett Glöckner, Geschäftsführerin der Städtischen Verkehrsbetriebe, sprachen David Hagenbäumer und Sara Thiel.

Freie Presse: Die Straßenbahn feiert 125-Jähriges. Ist sie altmodisch?


Anett Glöckner: Nein. Alle Welt spricht von Elektromobilität und denkt dabei an E-Autos. Dabei darf man nicht vergessen, dass die Straßenbahn hier und anderswo schon seit so langer Zeit elektrisch fährt. Wir investieren beispielsweise viel Geld in unsere Niederflurbahnen, weil wir sie noch mindestens 16 Jahre fahren wollen - das machen wir nicht, weil es altmodisch ist.

Woher kommt denn diese genaue Angabe von 16 Jahren?

Es gibt eine Betriebsordnung für Straßenbahnen, nach der die Bahnen nach 500.000 Kilometern, spätestens nach acht Jahren zur Inspektion müssen. Unsere Bahnen sind seit 1994 in Betrieb - das waren drei Inspektionszyklen. Wir wollen sie noch mindestens zwei Perioden lang fahren.

Wie teuer ist denn eine Bahn in der Anschaffung?

Das lässt sich so nicht sagen, denn man kauft sie nicht von der Stange. Man muss die Spurweite beachten, außerdem Dinge wie Design, Bestuhlung oder Klimatisierung, und wesentlich ist auch, ob es Ein- oder Zweirichtungsfahrzeuge sind. Bei einer Einzelbestellung ist man da schon mit bis zu 5 Millionen Euro dabei. Wir wollen sechs Stück bestellen, da rechne ich mit 2,5 bis 3 Millionen.

Wird es einen technischen Generationswechsel geben?

Es gibt technische Weiterentwicklungen, aber grundsätzliche Veränderungen gibt es aus meiner Sicht nicht. Wir sollten beachten, dass sich die Ansprüche ändern: Wir brauchen mehr Platz für Gehhilfen, Rollstühle, Kinderwagen. Dabei sind wir uns aber derzeit noch nicht sicher, ob wir zu 100 Prozent auf barrierefreie Niederflurbahnen setzen oder nur zu 70 Prozent.

Was macht den Unterschied aus?

Bei Niederflurbahnen ist die gesamte Technik auf dem Dach untergebracht. Das ist aber nur begrenzt tragfähig. Bei unseren jetzigen Bahnen ist teilweise gar kein Platz mehr, um beispielsweise eine Installation für die Klimatisierung des Fahrgastraumes unterzubringen.

Wann sollen die neuen Bahnen gekauft werden?

Im Zeitraum 2023/24, das hängt davon ab, wie schnell wir die Ausschreibung hinbekommen. Wir rechnen mit einer Bauzeit von zwei Jahren.

Wie sieht es mit der Akzeptanz für solch eine Investition aus?

Unseren Fahrzeugen sieht man ihr Alter schon an - zumindest auf den zweiten Blick. Außerdem ist allen Verantwortungsträgern klar, dass eine Straßenbahn teurer ist als ein Bus.

Wird das durch die lange Einsatzzeit wettgemacht?

Nein. Man vergisst oft, dass für eine Straßenbahn nicht nur die Wagen nötig sind, sondern es braucht auch Gleisanlagen, Oberleitungen und anderes. Wir haben seit der Wende fast alle Gleise neu gebaut oder grundhaft saniert. Wir haben insgesamt seit 1991 151 Millionen Euro investiert.

Wie haben sich die Fahrgastzahlen entwickelt?

Seit 2015 erheben wir die Fahrgastzahlen mit dem automatischen Zählsystem. Auf dieser Grundlage ist die Entwicklung unserer Zahlen positiv. Nur 2018 hatten wir einen minimalen Verlust von rund 100.000 Fahrgästen. Da muss man auch nachschauen, wie sich die Bevölkerungs-, vor allem die Schülerzahlen entwickeln und wo es Baumaßnahmen gab.

Von wie vielen Fahrgästen sprechen wir im Jahr?

Von rund 9 Millionen, dabei sind es bei der Bahn rund 6,8 Millionen, bei den Bussen 2,1 Millionen.

Kann mehr öffentlicher Nahverkehr helfen, die Verstopfung auf Zwickaus Straßen zu reduzieren?

Eigentlich finde ich, dass man recht zügig durch Zwickau durchkommt.

Also gibt es keinen Grund für einen weiteren Ausbau?

Meiner Meinung nach haben wir einen guten Nahverkehr. Die Bahnen und Busse wie die Linie 10 fahren im kurzen Takt. Ich würde mir aber wünschen, dass man uns noch mehr als Alternative begreift: Immer wieder wird der Wunsch nach Parkplätzen in Wohnort- oder Geschäftsnähe geäußert, von Haltestellen ist dabei nicht die Rede. Wir haben ein gutes Nahverkehrsangebot, aber bei der Nutzung sehe ich Luft nach oben.

Es gibt immer mal wieder Beschwerden, dass etwa Besucher der "Neuen Welt" nach Veranstaltungen nicht mehr mit der Bahn nach Hause kommen.

Das kann ich zum Teil nachvollziehen. Für solche Fälle wünsche ich mir häufiger die Möglichkeit, Kombitickets anzubieten. Karten also, die sowohl für eine Veranstaltung als auch für den öffentlichen Nahverkehr gelten. Beim FSV oder dem Oktoberfest in der Stadthalle funktioniert das seit Jahren. Wir können den Fahrplan nicht einfach ändern für zwei oder drei eventuelle Gäste der "Neuen Welt". Wenn Kombitickets verkauft werden, ist das etwas anderes.

Inwiefern spielen Bevölkerungsprognosen bei Ihren Planungen eine Rolle?

In der Vergangenheit haben wir diese mit Sorge betrachtet. Aber der Zuzug von Geflüchteten hat sich positiv auf unsere Fahrgastzahlen ausgewirkt. Wir gehen derzeit nicht von massiven Bevölkerungsverlusten aus. Außerdem ändert sich das Nutzungsverhalten: Wir haben viele junge Leute unter unseren Kunden. Dagegen gibt es eine Generation älterer Menschen, die gar nicht mehr so recht wissen, wie der Nahverkehr funktioniert.

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