NSU-Opfer: Gedenken und erneute Schändung in Zwickau

Die Stadt hatte einen Baum gepflanzt zum Gedenken an eines der NSU-Opfer. Am Donnerstag war er gefällt worden. Eine Künstlergruppe stellte daraufhin eine Gedenkbank auf. Auch sie stand nicht lange.

Zwickau.

Am Sonntag ist von der Bank im Schwanenteichpark nichts mehr zu sehen. Der Staatsschutz der Zwickauer Polizei hat sie zur Spurensuche sichergestellt. Nach Polizeiangaben war sie am frühen Sonntagmorgen von Unbekannten erheblich beschädigt worden. Ein Foto zeigt sie mit völlig zertrümmerter Sitzfläche. Von der bereits am Donnerstag gefällten jungen Eiche zeugen noch zwei Stützpfähle und eine Gedenkplatte. Daneben sind Blumen abgelegt. Die meisten Passanten gehen achtlos vorüber. Dass man die Verursacher findet, glaubt keiner der Angesprochenen. Schon gar nicht, dass sie ernsthaft bestraft würden. Ein junger Mann lässt seinen Hund an die Pfähle pinkeln. Eine junge Frau erklärt im Vorbeigehen ihrem Begleiter, es sei schade, "dass die nicht noch mehr umlegen konnten".

Baum und Bank hatten an Enver Simsek erinnert, eines von zehn NSU-Opfern, Vater zweier Kinder, im Jahr 2000 in Nürnberg ermordet. Dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) werden insgesamt Morde an neun Migranten und einer Polizistin zur Last gelegt. Das Trio bestand aus Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe. 1998 ging die Gruppe in den Untergrund, tauchte zunächst in Chemnitz und zwei Jahre später in Zwickau unter. Mundlos und Böhnhardt begingen 2011 nach einem Banküberfall in Eisenach mutmaßlich Selbstmord. Der NSU flog daraufhin auf. Zschäpe wurde 2018 zu lebenslanger Haft verurteilt.

Die Gedenkbank hatte die Künstlergruppe "Sternen-Dekorateure" am Freitag aufgestellt als Reaktion auf die gefällte Eiche. Das bestätigten am Sonntag ein Mitglied der Gruppe und die Polizei. Mit der Bank sollte demnach ein Zeichen gegen jede Art von Gewalt und Terror gesetzt werden. Außerdem habe man denjenigen, die die Eiche gefällt hatten, deutlich machen wollen, dass sie ihr Ziel mit Gewaltaktionen nicht erreichen werden.

Der gefällte Baum hatte am Freitag deutschlandweit für Diskussionen gesorgt, vor allem in den sozialen Netzwerken. Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermann (Die Linke) aus Werdau sagte: "Die Tat tritt nicht nur die Erinnerung an Enver Simsek mit Füßen, sondern demonstriert auch Zustimmung zu den Morden des NSU." Es gebe in der Zwickauer Region seit Jahrzehnten einen radikalen rechten Kern. Der Zwickauer CDU-Bundestagsabgeordnete Carsten Körber erklärte, die Tat sei "ein Schlag ins Gesicht der anständigen Mehrheit. Lasst uns jetzt viele Bäume pflanzen und damit ein Zeichen setzen für eine Gesellschaft, die die Größe und Würde besitzt, Geschehenes aufzuarbeiten."

Lukas Buschmann, der am Freitag "diese unrühmlichen Schlagzeilen" aus seiner Heimatstadt Zwickau gehört hatte, hat im Internet eine Spendenseite initiiert, über die Geld für das Pflanzen neuer Bäume gesammelt werden soll. Bis Sonntagabend waren dort mehr als 650 Euro zusammengekommen.

Schon 2016 hatten Unbekannte Bänke der "Sternen-Dekorateure" geschändet, die in Zwickau aufgestellt worden waren und an die Opfer des NSU-Trios erinnern sollten. (nkd/jwa/sth/dha)

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4Kommentare
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  • 3
    2
    Malleo
    08.10.2019

    distel
    Unsere Familie spendete zu 500 Jahre Reformation auch einen Baum in Zwickau.
    Inzwischen wird wohl die 4. Neupflanzung notwendig werden.
    Das Spenderschild (vom MDR) wurde auch "entfernt".
    Wen möchte man dafür wohl verantwortlich machen?
    Hören Sie meine Anschuldigungen?
    Fazit:
    Die Welt ist voller Chaoten und der "Rechtsstaat" schaut zu!!

  • 6
    1
    Tokeah
    07.10.2019

    Die Hilfsbereitschaft und die solidarische Haltung die gerade in vielfältiger Weise gezeigt und gelebt wird ist Ausdruck einer breiten Vielfalt die gegen Intoleranz und Gewalt oder Terror entgegen steht.
    Die Stadtverwaltung hat nun eiligst ein Spendenkonto frei geschaltet, und bittet um Spenden für die nächstenn Schritte, um weitere Bäume für die Opfer durch die NSU zu pflanzen und damit zu zeigen, dass man nicht vom Vorhaben abweichen will und kann. Der MDR hat dies am Abend im Sachsenspiegel durch eine Aussage des Stadtsprechers bestätigt.
    Der Initiator der Better Place Spendenaktion, Lukas Bachmann, wird nach seiner Aussage am Freitag den bis dahin eingegangen Betrag auf das Spendenkonto der Stadt überstellen.

  • 5
    5
    Distelblüte
    07.10.2019

    Mittlerweile sind knapp 2000 € an Spenden zusammengekommen. Auch das ist Sachsen.
    Angesichts der Hilfsbereitschaft vieler, einander beizustehen, fallen die Bemerkungen solcher verrohten, moralisch verwahrlosten Menschen wie eingangs im Artikel besonders auf, weil sie halt nicht die Haltung der Mehrheit spiegeln.

  • 7
    3
    Hankman
    07.10.2019

    Da fällt einem eigentlich nichts mehr ein. Wie geistig arm und moralisch verdorben muss man sein, um eine Gedenkstätte für Opfer einer Mordserie zu beschädigen? Und, ja, die gehört auf jeden Fall nach Zwickau, auch wenn die Morde anderswo verübt wurden. Denn der NSU hatte in Zwickau elf Jahre lang seinen Unterschlupf. Von hier aus fuhren die Terroristen durchs Land, um Menschen umzubringen, Banken zu überfallen, Bomben zu legen - inspiriert durch eine menschenverachtende, wahnwitzige und unpatriotische Ideologie. Daran sollte man erinnern. Ist ja offenbar auch nötig, wie man an der Äußerung der im Text zitierten jungen Passantin ablesen kann. Kleiner Tipp: Mit so einer Äußerung bewegt man sich schon ganz hart an der Grenze zu diversen Straftatbeständen: Volksverhetzung, Billigung von Straftaten, Verunglimpfung des Ansehens Verstorbener ... Mal abgesehen davon, dass so ein Spruch unmenschlich, dumm und keine "Meinung" ist. Schämen Sie sich!



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