"Nur mit guter Medizin verdient man gutes Geld"

Professor Debatin spricht das erste Mal über den Neustart des Paracelsus-Konzerns und die Rolle der sächsischen Kliniken

Freie Presse: Herr Professor Debatin, was ist bei Paracelsus schiefgelaufen?

Jörg Debatin: Um mal in Sachsen zu bleiben: Eigentlich hat man eine Menge richtig gemacht. Da sind fünf Einrichtungen in geografischer Nähe mit 650 Akutbetten, einer Rehaklinik und einer starken ambulanten Präsenz. Das sind gute Voraussetzungen, die man leider nicht genügend genutzt hat. Drei Infosysteme, getrennte Sterilisation, und fehlende Abstimmung der medizinischen Angebote an den verschiedenen Standorten - das kann man besser machen.

Wie denn?

Wir haben zunächst die Entscheidungsprozesse beschleunigt, indem wir die Ebene der Regionaldirektionen abgeschafft haben. Die Kliniken werden von Managern geführt, die direkt an die Konzernleitung in Osnabrück berichten. Gleichzeitig geben wir unseren Leitenden Ärzten und Pflegekräften deutlich mehr Verantwortung. Das wollen wir nutzen, indem die Kliniken einerseits mehr gemeinsam arbeiten, andererseits aber auch ihr Profil schärfen. Das Ziel ist eine Verbesserung der medizinischen Versorgung in der Region, denn nur mit guter Medizin verdient man gutes Geld und kann damit die Standorte erhalten.

Profil schärfen im Sinne einer Spezialisierung?

Nehmen Sie den Standort Zwickau. Mit ihrem Können und einem sehr innovativen Ansatz haben wir in der Neuro-Medizin Kompetenz, die Patienten aus ganz Deutschland anzieht - wie ich aus eigener Erfahrung berichten kann. In Reichenbach hingegen gibt es eine hohe Expertise bei minimal-invasiven Eingriffen in der Urologie und der onkologischen Gynäkologie. In das Können dieses Teams investieren wir mit dem Erwerb des OP-Roboters da Vinci, der ab Anfang 2019 in Reichenbach einsatzbereit sein wird.

Könnte es auch zur Schließung einer Klinik kommen?

Das steht nicht zur Debatte. Im Gegenteil: Die Standorte bieten eine hervorragende Basis für eine Rundum-Versorgung für die ganze Region.

Welche Rolle spielen die medizinischen Versorgungszentren?

Unser Ziel ist es, die drei medizinischen Versorgungszentren mit insgesamt 32 Praxissitzen besser mit dem stationären Sektor zu verzahnen. Das heißt, die Praxisärzte müssen auch die Akutkliniken unterstützen, indem sie die Patienten vor und nach der stationären Behandlung im Krankenhaus betreuen. So wollen wir auch die Auslastung unserer Klinikstandorte optimieren.

Müssen die Patienten etwa fürchten, künftig schneller im Krankenhaus zu landen?

Nein, natürlich nicht. Das würde ohnehin nicht funktionieren. Aber ich denke, künftig können die ambulant tätigen Ärzte, die bei Paracelsus angestellt sind, ihren Patienten mit den breiten Möglichkeiten innerhalb aller Paracelsus-Kliniken noch bessere Perspektiven bieten.

Gibt es Vorgaben für die Praxen?

Für den einzelnen Arzt gibt es keine Vorgaben. Aber wir wollen den Blick auf die Gesamtheit richten. Da bieten sich enorme Möglichkeiten auch für den überweisenden Arzt und seine Patienten. Für alle Paracelsus Einrichtungen in Sachen gilt: Entweder wir haben gemeinsam Erfolg - oder gar nicht.

Was aber in einer strukturschwachen Region wie dem Vogtland nicht einfach ist.

In der Tat gibt es zahlreiche Herausforderungen. Dazu zählt vor allem der Fachkräftemangel. Wir sind bereit, uns diesen Schwierigkeiten zu stellen. Dabei erwarten wir aber, dass die Politik unsere Arbeit nicht noch zusätzlich erschwert. Warum bekommt das Heinrich-Braun-Krankenhaus in Zwickau im neuen Krankenhausplan die Genehmigung zum Aufbau einer Neurochirurgie, obwohl Paracelsus hier schon supergut aufgestellt ist? (rnw/sk)

Der Manager und die Kliniken

Professor Jörg Debatin war acht Jahre lang Vorstandsvorsitzender am renommierten Uniklinikum Hamburg-Eppendorf und brachte es in die Erfolgsspur.

Nun kümmert er sich um die Krankenversorgung im Vogtland - und das hat einen sehr persönlichen Hintergrund: Im Jahre 2015 erlitt er einen Bandscheibenvorfall. Eigentlich eine Routinesache - doch bei der Behandlung fing er sich einen Keim ein. Es begann eine Odyssee mit insgesamt 25 Operationen binnen drei Jahren. Eine Zeit lang war er von der Hüfte abwärts total gelähmt.

Heute kann er bereits wieder mithilfe eines Gehstocks laufen. "Das habe ich vor allem dem hochspezialisierten Team aus der Paracelsus-Klinik Zwickau zu verdanken. Ärzte, Pfleger und Physiotherapeuten haben mich wieder auf die Beine gebracht."

Jörg Debatin will etwas zurückgeben. Die Chance dazu kam, als zum 1. August dieses Jahres die Schweizer Beteiligungsgesellschaft Porterhouse Group AG den ältesten deutschen Klinikkonzern übernahm, nachdem Paracelsus Insolvenz angemeldet hatte. Debatin übernahm einen Posten im Aufsichtsrat. Nur wenige Wochen später verstarb der neue Geschäftsführer Michael Philippi überraschend. So übernahm der 56-Jährige Debatin vorübergehend in einigen Projekten auch operative Verantwortung.

Die Paracelsus-Kliniken waren bis zum Verkauf familiengeführt und bestehen aus 36 Einrichtungen an 19 Standorten. In Sachsen gibt es Akutkliniken in Zwickau, Reichenbach, Adorf, Schöneck und Bad Elster.

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