Ohne große Worte: Westsächsin feiert 100. Geburtstag

Sie turnte, liebte, arbeitete und engagierte sich - nur gehört hat sie nie: Elfriede Pöhler aus Thanhof ist ein Jahrhundert alt geworden. Dass sie als Kind mit Behinderung das Nazi-Regime unbeschadet überstand, verdankt sie ihren Eltern.

Lichtentanne.

Elfriede Pöhler, älteste Einwohnerin von Thanhof und zweitälteste Lichtentannerin, beging am Freitag ihren 100. Geburtstag. Der Umstand, dass es bei ihr mit dem Reden hapert, hat nichts mit ihrem stolzen Alter zu tun. Denn die gebürtige Neugersdorferin ist seit frühester Kindheit gehörlos.

"Wir sind froh, dass meine Mutter körperlich noch so fit ist, um sich mit uns in Gebärdensprache zu verständigen. Das erleichtert uns allen nicht nur den Alltag, sondern ist auch für sie ein wichtiges Stück Teilhabe und persönliche Lebensqualität", sagt Stephan Pöhler, der sich als Behindertenbeauftragter der sächsischen Staatsregierung mit den Sorgen und Nöten behinderter Menschen auskennt. "Meine Mutter hat trotz ihrer Beeinträchtigung nie gejammert, stand stets mit beiden Beinen fest im Leben. Vor allem aber war sie immer darauf bedacht, dass es mir als Kind gut ging."

Schon frühzeitig bemerkten Elfriede Pöhlers Eltern, dass das Mädchen wohl starke Hörprobleme hatte. Als mögliche Ursache wurden seinerzeit Wucherungen in der Nase diagnostiziert. In Folge einer 1923 durchgeführten Operation zur Beseitigung dieser Wucherungen ging das Gehör vollständig verloren. Nach dem Besuch einer Spezialschule in Dresden und einer anschließenden Lehre zur Näherin fand sie in ihrem Heimatort eine Arbeit. Allerdings wäre ihr Handicap für die junge Frau während der Zeit der Naziherrschaft beinahe zum Verhängnis geworden. Stephan Pöhler: "Als Gehörlose, damals abwertend Taubstumme genannt, fiel sie unter die sogenannte Euthanasiegesetzgebung, was für sie günstigstenfalls die Sterilisation bedeutet hätte. Noch heute nötigt es mir ungeheuer viel Respekt gegenüber meinen Großeltern ab, die meine Mutter versteckt und sie so vor Schlimmeren bewahrt haben."

Nach dem Krieg lernte Elfriede Pöhler ihren ebenfalls gehörlosen Ehemann Edgar aus Planitz kennen, den sie 1946 heiratete. Gearbeitet hat die Jubilarin später im Sachsenringwerk. "Obwohl meine Mutter immer lebensfroh war, kam gerade während ihrer Sachsenringzeit auch Traurigkeit auf. Denn für ihre Kollegen war sie nicht die Elfriede oder vielleicht die Pöhler, sondern immer nur die Taubstumme. Das hat ihr damals schon wehgetan", berichtet Stephan Pöhler.

Ungeachtet dessen engagierte sie sich im Gehörlosen-Ortsverein und war in einem Turnverein aktiv. Als 1958 in der DDR der Allgemeine Deutsche Gehörlosenverband aus der Taufe gehoben wurde, gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern. Auch als es darum ging, eine entsprechende Frauengruppe ins Leben zu rufen, wirkte sie maßgeblich mit.

Ihren 100. Geburtstag hat Elfriede Pöhler im Kreise ihrer Lieben gefeiert. Mit einem Sohn, drei Enkeln und sieben Urenkeln - Nummer acht soll in wenigen Wochen folgen - so hat dieser Kreis der Lieben inzwischen einen beachtlichen Umfang angenommen.


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