"Ohne Helfersyndrom würden wir das nicht tun"

Die Notfallseelsorgerin Julia Nagler (28) über schwierige Einsätze bei Todesfällen und die Grenzen der eigenen Belastbarkeit

Zwickau.

Nach Todesfällen oder schweren Unfällen leihen sie Angehörigen ein offenes Ohr und stehen ihnen in den schwersten Minuten bei. Jetzt haben die Mitglieder der Notfallseelsorge ihr 20-jähriges Bestehen gefeiert. Darüber hat Michael Stellner mit Teamleiterin Julia Nagler gesprochen.

Freie Presse: Wenn bei Ihnen mitten in der Nacht das Telefon klingelt, können Sie dann mit einem guten Gefühl rangehen?

Julia Nagler: Ja. Es ist so, dass wir nach Dienstplan arbeiten. Jeder von uns sollte vier bis sechs Dienste im Monat übernehmen und wenn dann das Telefon klingelt, weiß ich, was auf mich zukommt.

Notfallseelsorger werden bei Unfällen und Unglücksfällen angefordert, um Angehörigen oder Helfern beizustehen. Wie häufig passiert das?

Wir hatten letztes Jahr 133 Einsätze. Manchmal hat man sogar zwei gleichzeitig.

Wie sieht so ein Einsatz aus?

Wir kriegen einen Anruf von der Leitstelle, setzen uns dann ins eigene Auto und fahren zum Einsatzort. Und dann hören wir zu. Es gibt Situationen, da reden die Leute ganz viel, es gibt Situationen, da reden sie gar nicht. Manchmal reicht es schon, auszusprechen, was sie bewegt. Oft bestellen wir auch gemeinsam den Bestatter und bieten an, eine Verabschiedung durchzuführen. Ein Einsatz ist beendet, wenn wir das Gefühl haben, wir können jetzt gehen.

Gibt es Dinge, die Sie nicht mitmachen?

Jeder hat Grenzen, an denen er sagt: Das kann ich nicht leisten. Das ist notwendig, denn ansonsten gehen wir kaputt. Ich übernehme keine Einsätze mit toten Kindern mehr, seitdem ich selber Mutter bin.

Das geht so einfach?

In der Leitstelle wissen sie auch, wo unser Limit ist. Wir versuchen dann, dass jemand anderes hinfährt.

Wie schwierig ist es, die Schicksale nicht zu nah an sich heran zu lassen?

Es ist schwierig, man ist schließlich oft emotional beteiligt. Vor allem bei Menschen, die plötzlich vor Existenzängsten stehen. Es ist nicht leicht, sich da zurückzunehmen, wo man doch irgendwo selbst ein Helfersyndrom hat - sonst würden wir das ja gar nicht machen.

Das wäre schon meine nächste Frage gewesen - wieso tut man sich diese Arbeit freiwillig an?

Jeder hat seinen anderen Grund. Wir haben zum Beispiel Einsatzkräfte dabei, die vor Ort sehen, wie wichtig ein Seelsorgedienst wäre. Die die Betroffenen nicht einfach alleine in ihrem Elend zurücklassen wollten. In unserem Team haben wir auch eine Pfarrerin, wir sind aber grundsätzlich konfessionell ungebunden.

Kurzer Ausblick: Wo drückt der Schuh und was würden Sie sich für die Zukunft wünschen?

Wir hoffen immer auf neue Helfer und auf Sponsoren. Erst kürzlich haben wir einige hundert Euro gespendet bekommen, für uns ist das gewaltig. Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann, dass die Feuerwehren und Sanitäter öfter auf das Angebot der Notfallseelsorge am Einsatzort aufmerksam machen.

Woran hapert das momentan?

Sie sind so damit beschäftigt, ihre Arbeit so gut wie möglich zu erledigen, dass sie nicht immer daran denken, auf uns hinzuweisen.


Chefin seit zwei Jahren

Die Diplom-Sozialpädagogin Julia Nagler aus Wilkau-Haßlau ist seit zwei Jahren Teamleiterin der Notfallseelsorge Zwickau. Seit vier Jahren gehört sie dem zehnköpfigen Team an.

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