Ohne Netz und doppelten Boden

Mit einer Show voller Akrobatik, Tanz, Musik und Licht haben die Fliegenden Sachsen das Publikum in der Lukaskirche abermals in den Bann gezogen.

Zwickau.

Chamäleonaugen - die hätten die Zuschauer der spektakulären Show der Fliegenden Sachsen in der Zwickauer Lukaskirche gut gebrauchen können, um all das registrieren zu können, was ihnen während der knapp zweistündigen Show dargeboten wurde. Vor allem, als zusätzlich zum Geschehen auf der Bühne drei Luftakrobatinnen an sechs roten Tüchern, die an der Decke des Kirchenschiffs angebracht wurden, gleichzeitig über, hinter, vor und seitlich des Publikums durch die Luft wirbelten.

Die Show mit Laser- und Lichtinstallationen von Enrico Oswald und Tanzeinlagen der Karo-Dancer Mädels wurde von der Plauener Band "Happy Feeling" mit Pink Floyds Hit "Another Brick in the Wall" eröffnet. Einer ihrer Musiker, Malte Liebel, ging während der Show sogar in die Luft - als Saxofon spielender Clown.

Es geschah während der knapp zwei Stunden so viel auf der Bühne, dass es - auch von den Zuschauern - Konzentration verlangte. Gepaart war diese mit Staunen, Bewunderung und Respekt - nicht nur für die akrobatische Spitzenleistungen der fliegenden Sachsen, die jeder professionellen Artistentruppe Ehre machen würden. Sondern für den Mut, mit dem sie im wahrsten Sinne des Wortes ohne Netz und doppelten Boden arbeiten.

Ein Netz gab es allerdings - es diente aber nicht der Sicherung, sondern als Showelement in einer Nummer, in der sich ein fliegender Goldfisch aus dem Netz befreite. Erich Sabaiczuk ist der Chef der Fliegenden Sachsen, er konzipiert die Show und bedient hinter der Bühne per Knopfdruck die Motoren für die Luftnummern. Sein geschultes Auge erkannte, dass das Mädchen, das den Goldfisch mimte, sich wehgetan hatte. In der Showpause fragte er nach ihrem befinden. "Ein bisschen habe ich mir wehgetan", gab das Mädchen zu, aber versicherte: "Es ist alles gut." Aber die Show musste weitergehen, das hat die Nachwuchsakrobatin längst verinnerlich. "Aber ich habe trotzdem gelächelt." So sahen die Zuschauer in den ersten Reihen kein schmerzverzerrtes, sondern ein freudestrahlendes Gesicht. "Als ich selbst noch Turner war, sagte mein Trainer immer: Turnen und Kinderkriegen muss wehtun", sagt Sabaiczuk, zweifacher DDR-Meister in Sportakrobatik, der schon als Neunjähriger ein begeisterter Akrobat war.

Zarte neun Jahre alt ist auch Sophie Baron, die mit zu den jüngsten Akrobatinnen und zweifelsohne zu der "eigenen Brut", wie Sabaiczuk seine Zöglinge nennt, die er und seine Kollegin Kerstin Speck trainieren. Der frühere Dozent für Sport an der Zwickauer Hochschule gründete 1973 die erste Studentensportgruppe, aus der er mit Kerstin Speck 1989 den Verein Fliegende Sachsen aus der Taufe hob, der seit 1995 sein Domizil in der Turnschule am Trillerberg hat und heute 650 Mitglieder zählt.

Sophie Baron kam als Dreijährige zu den Fliegenden Sachsen und lernte hier alles, womit sie nun ie Zuschauer bei den drei "Spektakulär"-Shows begeisterte. So wie die 25-jährige Kim Wutzler, die ebenfalls mit drei Jahren zu den Fliegenden Sachsen kam und die anderen Luftakrobatinnen an Trapezen und Tüchern für Raunen, Staunen und Luftanhalten in der Kirche sorgte.

Elena Tumanova gehört im Gegensatz zu ihrer Tochter Diana zwar nicht zur "Eigenbrut". Ihre Ballettausbildung absolvierte sie an der Akademie des Bolschoi-Balletts in ihrer Geburtsstadt Moskau. 2011 kam sie ans Theater Plauen-Zwickau, wo sie bis zum Ende ihrer Ballettkarriere vor zwei Jahren tanzte. "Ich hab sie gefragt, ob sie nicht nur zugucken will, wie ihre Tochter bei uns trainiert, sondern selbst mittrainieren will", erinnert sich Erich Sabaiczuk. "Und wie ich das wollte", sagt Elena Tumanova. Die frühere Balletttänzerin sei ein großes Vorbild für alle Fliegenden Sachsen, sagen einstimmig Erich Sabaiczuk und Kerstin Speck. Hoch diszipliniert und motiviert, aber auch unglaublich anmutig und mutig, beweist sie nun ihre Grazie und perfekte Körperbeherrschung auch als Luftakrobatin - auf einem Ring. Und das mit über 40 Jahren. Sie ist ein würdiges Mitglied der Fliegenden Sachsen, die mit ihren Darbietungen an allen drei Tagen die voll besetzte Lukaskirche zum Beben brachten.

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