Ostern bei Faust

Was die Region in dieser Woche bewegt hat

Faust hieb mit selbiger wuchtig auf den Tisch. "Das kann doch nicht wahr sein", fluchte er. Zu Hause bleiben? In einem muffigen Studierzimmer, wo die Geisterbeschwörung misslang, er seine Ohnmacht spürte und beinahe doch vom Gift getrunken hätte? Nö. Er hörte die Osterglocken und wollte raus. Er nahm seinen Schüler Wagner - manchmal wohnten sie ja in einem Hausstand, also geht das problemlos - und seinen Gelehrten-Talar vom Haken und schritt ins Freie, trotz Ausgehbeschränkung. Wagner folgte wissbegierig.

Die 15 Kilometer, die das Hohe Gericht als Maximum fixiert hatte, sollten für einen Osterspaziergang reichen. Und wenn nicht, geht er halt im Kreis, um seinen Gedanken freien Lauf und seinen Monolog auf Wagner niederprasseln zu lassen, und um sich die Stände in Westsachsen mal so anzugucken. Bauer, Bürger, Handwerker, Studiosus, Pfaff? Oder doch eher die, die sich von ihrem Wohnort maximal bis 15 Kilometer entfernt Sport treibend durch die Büsche schlagen? Das sportive Ehepaar im Radtrikot-Partnerlook zum Beispiel, den Jogger mit Ohrstöpseln, die beiden Frauen, deren Kleidung es dick unterstreicht, dass sie es nötig haben, Nordic Walking zu betreiben, der Geher, der mit angezogenen Ellenbogen und aufrechter Körperhaltung wie aufgezogen durch das Gelände hirscht.

Fragen über Fragen in dieser schwierigen Zeit. Heinrich Faust ist auf der Suche nach etwas. Aber was? Das bunte Gewimmel, das aus dem hohlen finstern Tor kommt, kann es angesichts der Ausgangsbeschränkung und der Abstandsregelung nicht sein. Irgendwas ist komisch. Und der Wagner hat auch keine Idee mehr. Plötzlich läuft ein schwarzer Vierbeiner dem Gelehrten über den Weg. Er nimmt das infiltrierte Geschöpf aus dem Tierreich mit nach Hause - und der Tragödie erster Teil nimmt ihren Lauf.

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.