Perspektivwechsel - vom Gestrauchelten zum Azubi

Ein Zwickauer Verein, eine Stiftung und zehn Betriebe investieren viel Geld und Kraft in ein Jugendprojekt. Hat es sich gelohnt?

Zwickau.

Der eine hat zwei Jahre auf der Straße gelebt, eine andere "ganz viel durchgemacht". Zwei von 14 Jugendlichen, die bisher nicht auf der Sonnenseite des Lebens standen. Bei einer Feierstunde des Zwickauer Vereins "Gemeinsam Ziele erreichen" haben sie jetzt einen Ausbildungsvertrag bei Firmen der Region bekommen. Dem vorausgegangen war ein Jahr, in dem sie mehrere Praktika absolvierten, mit zwei Sozialarbeitern kletterten, boxten, kochten, Rad fuhren, Behördenpost erledigten, über Gefühle sprachen und für sich selbst Ziele formulierten. Ein junges Mädchen jubelte vor Freude, als sie ihren Ausbildungsvertrag in den Händen hielt, ein anderes weinte vor Glück.

"Perspektivwechsel" nennt sich das Projekt, das der Verein "Gemeinsam Ziele erreichen" nun schon das zweite Mal in Angriff genommen hat. Es geht darum, Jugendlichen, die dem Leistungsdruck der Gesellschaft nicht gewachsen sind, Hilfe und eine Perspektive zu geben. Finanziert wird es von der Volkswagen-Belegschaftsstiftung mit rund 2,4 Millionen Euro.

Kooperationspartner sind das VW-Bildungsinstitut, zwei Berufsschulen und zehn Betriebe der Region. Neu dabei: die Wilkau-Haßlauer Stahlgrundkomponentenfertigung, deren Geschäftsführerin Ute Lewey ihre beiden Azubis persönlich herzte. Wieder mit dabei: die Glauchauer Firma Schnellecke, die laut Betriebsratschefin Elke Merkel ebenfalls zwei jungen Menschen eine Chance gibt.

Im ersten Durchgang hatten zehn von 18 Azubis das zweite Lehrjahr als Maschinenanlagenführer, Fachlagerist oder Fachkraft für Metalltechnik gemeistert. "Zwei davon haben sogar ein drittes Jahr rangehängt, einer davon mit einer Eins in der Theorie", verriet Vereinsgeschäftsführer Jens Juraschka. Vor einem Jahr nun begannen weitere 18 Jugendliche. Nur 14 schafften die erste Etappe. Zur Feierstunde vor rund 20 Gästen verrieten die jungen Leute zwischen 17 und 24 Jahren, mit welchen Erwartungen sie das Projekt begannen. Bei manchen gab es große Skepsis: "Ich kann nicht viel durchziehen", sagte einer. Ein anderer glaubte: "Ich verkack' es, wie fast immer." Voller Willenskraft dagegen eine junge Mutter, die als Alleinerziehende nicht mal einen Job als Putzfrau bekommen hatte. Ein Jahr lang habe sie "gekämpft, gemacht, getan" und ist nun voller Optimismus, die Ausbildung zu schaffen.

Diese Hoffnung hegt auch ein junger Mann, der einen schweren Mopedunfall hatte. Er war von Berufsvorbereitungsjahr zu Berufsvorbereitungsjahr geschoben worden, bevor er ins Projekt kam. "Heute weiß ich, ich stand mir oft selbst im Weg", sagte er.

Für Teamleiterin Anja Lobsa und ihre Kolleginnen Susan Heckel und Eva-Maria Möckel, die auch während der Lehre Ansprechpartner für die Jugendlichen bleiben, stand am Anfang die Frage: Wie kommen wir an diese Kinder ran? Ihr Ansatz: Keinen umerziehen. Alle sollten vielmehr selbst formulieren, was sie brauchen, um ihr Ziel zu erreichen. "Dazwischen lagen nicht nur Fröhlichkeit und Spaß, das war auch Buckelei", versicherte Lobsa voller Stolz auf die, die es geschafft hatten. Doch da war auch Schockstarre. Denn einer der Teilnehmer hat einen Mord begangen und sitzt nun im Gefängnis. "Für mich das Schwierigste in meinen 18 Jahren als Sozialarbeiterin", sagte Lobsa, lobte aber die Gruppe, die sich untereinander, aber auch ihr Kraft gab, weiterzumachen.

VW-Personalvorstand Gunnar Kilian, der die Verantwortung über 650.000 Mitarbeiter im VW-Konzern trägt, hatte das Projekt als damaliger Vorsitzender der Belegschaftsstiftung mitinitiiert. Trotz gebrochenen Fußes wohnte er der Feierstunde bei, in der Hoffnung, die Jugendlichen werden diese Chance nutzen. "Ein Ausbildungserfolg würde uns allen am meisten Freude machen", sagte er. Auch Jens Rothe, Gesamtbetriebsratsvorsitzender von VW Sachsen, beglückwünschte die Jugendlichen. Thomas Meinhold, Ausbildungsleiter im VW-Bildungsinstitut, mahnte freilich: "Die Prüfung müssen Sie alleine bestehen. Aber seien Sie sicher, wir helfen davor."

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...