Pläne und Skizzen erzählen Geschichte

Geplant, aber nie Wirklichkeit geworden: Im Bauaktenarchiv lagern Ideen von einem ganz anderen Zwickau.

Zwickau.

Die 1914 als König-Albert-Museum errichteten Zwickauer Kunstsammlungen an der Lessingstraße sollten von vorne eigentlich ganz anders aussehen. Ursprünglich sollten zwei große Springbrunnen mit einem Durchmesser von mehreren Metern rechts und links des Eingangs stehen. Das geht aus alten Akten hervor, die heute im Bauaktenarchiv lagern, hervor.

Die Mitarbeiter haben die Pläne unter der Rubrik "Bauten, die nie umgesetzt wurden" abgelegt. Da befinden sie sich in guter Gesellschaft. Auch eine Freilichtbühne unmittelbar hinter dem Konzert- und Ballhaus "Neue Welt" wurde Anfang des 20. Jahrhunderts nie Wirklichkeit. Nur der Ordner mit den Plänen hat überlebt. Das gilt auch für Gestaltungsvarianten der Rathausfassade, den ursprünglichen Plänen für das Johannisbad und die Villa Wolf, später als Mocca-Milch-Bar bekannt. Besonders spannend: Auch an die Gebäude, die in den 70er-Jahren den Plattenbauten im Stadtzentrum weichen mussten, erinnern alte Akten.

Eine Chronik kann da nicht mithalten. Nirgendwo ist die Baugeschichte Zwickaus so gut dokumentiert wie im Bauaktenarchiv. Seit 1832 sind Baugenehmigungen Pflicht, seitdem werden auch die entsprechenden Akten geführt. Die älteste Akte im Archiv wurde im Jahr 1841 angelegt. In manchem Ordner befinden sich jedoch noch deutlich ältere Dokumente. Über Jahre, oft über Jahrzehnte und manchmal über Jahrhunderte, wurden zwischen den Aktendeckeln alle für den Bau von Gebäuden erforderlichen Unterlagen gesammelt. Vom Bauantrag über Pläne, Risse, Lageskizzen, Schleusenpläne und statistische Berechnungen und meist zum Schluss die Baugenehmigung. "Manchmal sind auch Fotos in den Akten enthalten", sagt die Leiterin des Bauaktenarchives Viviane Schöne. 48.878 solcher Akten sind im Computer erfasst. Das allerdings heißt nicht, dass auch so viele Häuser dokumentiert sind. "Zu manchen Gebäuden gibt es mehrere Bände", sagt Schöne.

Das Bauaktenarchiv in seiner heutigen Form besteht seit dem Jahr 1988. Damals waren die Unterlagen im "Goldenen Anker" gelagert. Oder besser: irgendwie gestapelt. "Es herrschte ein großes Durcheinander", erinnert sich die Leiterin des Stadtarchives Silva Teichert. Es dauerte lange, bis die Archivare Ordnung in das Chaos gebracht hatten. Dabei war Eile geboten, denn Bauakten spielten nach der Wende bei der Rückübertragung von Gebäuden eine wichtige Rolle.

1999 zog das Bauaktenarchiv in das Verwaltungszentrum um. Im Jahr 2010 schließlich wurde es in das Stadtarchiv eingegliedert. Immerhin, erklärt Silva Teichert, seien rund zwei Drittel der Bestände historische Akten, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen. Heute befinden sich rund 1000 Meter laufende Bauakten in den Rollregalanlagen im Untergeschoss des Hauses 5. Der Bestand wächst ständig, weil wegen des Baugeschehens in der Stadt immer neue Akten dazukommen.

Vivian Schöne, in Zwickau geboren und aufgewachsen, lernt ihre Stadt aus einer anderen Perspektive kennen, seit sie im Bauaktenarchiv arbeitet, "das ist sehr spannend".

Hauptsächlich ist das Bauaktenarchiv für die städtischen Ämter, Bauingenieure, Architekten und Gutachter interessant. Aber auch viele private Hauseigentümer sind an der Vergangenheit ihrer Immobilie interessiert. "Manchmal wollen sie nur sehen, wie ihr Geburtshaus aussah", sagt Schöne. Gelegentlich muss ein Nachbarschaftsstreit anhand alter Dokumente geklärt werden.

251 Nutzer wurden 2017 im Bauaktenarchiv gezählt. Heimatforscher kommen kaum noch. "Dabei erzählen die alten Akten nicht nur die Baugeschichte, sondern geben auch Aufschluss über frühere Eigentümer", sagt Silva Teichert. "Vieles, was stadtbildprägend ist, ist hier schriftlich und in Zeichnungen und Plänen dokumentiert", sagt sie. Neuere Bauakten sind per Gesetz vor der Einsicht geschützt. Erst nach Ablauf der Aufbewahrungsfrist von 30 Jahren gelten die Unterlagen als historisch und sind damit (fast) frei zugänglich.

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