Potenzieller Hauskäufer verärgert

Die Gemeinde Mülsen nutzt ihr Vorkaufsrecht, um ein altes Haus am Bach zu kaufen und abzureißen. Dabei wollte ein Mülsener das wieder flott machen.

Mülsen.

Außer Spesen nichts gewesen? Der Mülsener Bodo Roß ist sauer. Er wollte das Haus Jacober Hauptstraße 87 kaufen und für seine Schwester und Nichte sanieren. Der Verkäufer aus Heinrichsort war einverstanden. Roß ließ sich schon im Grundbuch vormerken. Ein Notartermin für die Geschäftsabwicklung war bereits gemacht. Dann aber entschied sich die Gemeinde, das Haus selbst zu kaufen. Sie darf das, weil sie das Vorkaufsrecht hat. Aber als er Mitte Januar ins Rathaus bestellt wurde, um zu erklären, was er mit dem Haus vorhabe, habe ihm niemand mitgeteilt, dass er umsonst plane. "Im Gegenteil, ich wurde sogar gefragt, wie ich die Fassade gestalten will, in welcher Farbe."

Die rund 800 Euro, die das Finanzamt schon gefordert hat, wird er wohl wieder zurückbekommen. Aber er hat auch schon 525 Euro an Notarkosten zahlen müssen, sagt der Mülsener verärgert.


Nach Angaben der Hausbesitzer war der Gemeinde bereits 2016 bekannt, dass das Haus zum Verkauf steht. Im Rathaus zeigte allerdings niemand Interesse. Erst im Juli 2018 gab es Gespräche, um einen "städtebaulichen Missstand" zu beheben. Die Gemeinde, so der Hausbesitzer, wollte es für einen Euro kaufen, um es abzureißen. Ergebnislos trennte man sich. Wochen später gab es ein Angebot für 10.000 Euro. Davon erfuhr auch Roß und ein weiterer Interessent. Letztlich fiel die Wahl der Hausbesitzer auf Roß - für 24.000 Euro wollte er das 1906 erbaute Haus kaufen. "Mit Unterzeichnung des Kaufvertrages im Dezember wurde die Gemeinde darüber informiert", so der Verkäufer, der sich ebenso ärgert. "Wenn alles geklappt hätte, hätten wir das Geld schon im Januar gehabt."

Die Gemeinde sieht bei sich keine Schuld. Laut Bürgermeister Hendric Freund (parteilos) ist in erster Linie der Verkäufer Ansprechpartner für Herrn Roß. Dieser habe dem Käufer sämtliche relevante Informationen zum Objekt mitzuteilen und ihm war bewusst, dass ein Vorkaufsrecht im Raume steht. Roß sei ins Rathaus bestellt worden, um ihn zu Aussagen im Rahmen der Erteilung der erforderlichen sanierungsrechtlichen Genehmigung zu befragen. Diese sei erforderlich für die Wirksamkeit des Vertrages zwischen Verkäufer und Käufer. "Über Farbgebung wurde nach Angaben unseres Mitarbeiters nicht diskutiert", so Freund. Er ergänzt: Um ein Vorkaufsrecht auszuüben, muss der Verkauf vollzogen sein, zudem bedarf es eines Gemeinderatsbeschlusses. Den gab es Anfang Februar: Der Rat entschied, Grundstück und Haus für 24.000 Euro zu kaufen.

In der Brachenkonzeption des Dorfes heißt es, dass eine Nutzung als Wohnstandort aufgrund der örtlichen Nähe zum Mülsenbach ausscheide. Im Hochwasserrisikomanagementplan sei festgestellt worden, dass das 430 Quadratmeter große Grundstück bei Hochwasser betroffen ist und daher nicht wieder bebaut werden soll. Das Haus soll abgerissen, der Hang befestigt werden. Das benachbarte Fachwerkhaus ist bereits Gemeindeeigentum. "Eine Nutzung des Flurstücks als zukünftige Verbreiterung der St. Jacober Hauptstraße und als Grünfläche wird angestrebt", heißt es in der Brachenkonzeption. Geschätzte Gesamtkosten für Kauf und Abriss beider Häuser, Geländeregulierung und Stützmauerneubau: 548.600 Euro.

Freund ergänzt: Aufwendungen, die dem ursprünglichen Erwerber aus dem Vertragsvollzug entstanden sind, werden durch die Gemeinde nach Vorlage der Abrechnung und Zahlungsnachweise nach gesetzlicher Regelungen erstattet.

Roß hat das erst durch die Zeitung erfahren. "Dann muss ich meine Kosten wohl in der Gemeinde einreichen", sagte er. Er fände es fairer, wenn die Gemeinde sofort Häuser, die aus Hochwasserschutzgründen weg sollen, mit einem Verkaufsstopp belege.

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