Reaktionen auf den gefällten Gedenk-Baum: Zwickau im rechten Licht

Ein abgesägter Baum sorgt deutschlandweit für Empörung. Er hatte an das erste Opfer des NSU-Mördertrios erinnert.

Zwickau.

An der Stelle, an der vor ein paar Tagen eine junge deutsche Eiche stand, sind am Freitag nur noch zwei hölzerne Baumstützen zu sehen. Rund um die Stützen und den Gedenkstein am Boden wurden Blumen abgelegt. Hier auf dem Schwanenteichparkgelände an der Reichenbacher Straße hatte Zwickaus Oberbürgermeisterin Pia Findeiß (SPD) den Baum am 8. September im Gedenken an Enver Şimşek, das erste Mordopfer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), gepflanzt. Bezahlt wurde dies durch eine Spende. Knapp einen Monat später ist die Eiche von Unbekannten gefällt worden. Am Donnerstag hing der abgesägte Baum kopfüber an den Seilen seiner Stützen.

Die Stadtverwaltung reagierte noch am selben Tag darauf. Man werde Anzeige erstatten, teilte Stadtsprecher Mathias Merz mit. "Diese ruchlose Tat ist mehr als bloße Sachbeschädigung", kommentierte die Oberbürgermeisterin. Das Absägen des Baumes zeuge von Intoleranz, mangelndem Demokratieverständnis und von Verachtung gegenüber Terroropfern und deren Angehörigen.

Die Symbolwirkung des gefällten Gedenk-Baums reicht weit über die Grenzen Zwickaus hinaus - und lässt die Stadt einmal mehr im rechten Licht dastehen. Mehrere Stunden, bevor die E-Mail der Stadtverwaltung in den Postfächern einging, kursierte das Foto des abgesägten Baumes bereits beim Kurznachrichtendienst Twitter. Der Twitter-Nutzer "Danilo" und die Thüringer Landtagsabgeordnete Katharina König-Preuss (Die Linke) hatten die Bilder am Donnerstag verbreitet - und damit eine bundesweite Welle der Empörung ausgelöst. Das ZDF, der MDR, Spiegel Online und viele weitere Medien griffen die Meldung Stunden später auf. Selbst Regierungssprecher Steffen Seibert äußerte sich am Freitagnachmittag via Twitter zu dem Vorfall.

Die junge Eiche - sie könnte symbolisch für die Auseinandersetzung der Stadtgesellschaft mit den Taten des NSU stehen: ein zartes Pflänzchen. Dass dieses nun quasi gekappt wurde, sorgt bei der Bundestagsabgeordneten Sabine Zimmermann (Die Linke) aus Königswalde für Verärgerung: "Die Tat tritt nicht nur die Erinnerung an Enver Şimşek mit Füßen, sondern demonstriert auch Zustimmung zu den Morden des NSU." Es gebe hier seit Jahrzehnten einen radikalen rechten Kern. Auch der Zwickauer Stadtrat Wolfgang Wetzel (Grüne), der bei der Pflanzaktion im September dabei war, zeigte sich verärgert. Dass der Baum nicht lange überlebt, das habe er sich schon damals gedacht. "Gleichwohl finde ich die Idee richtig", sagte Wetzel. Damit sei ein Prozess ins Laufen gekommen, der sich damit beschäftigt, "wie wir mit der NSU-Last umgehen". Dieser Prozess wird in Zwickau nicht zum ersten Mal auf solche Weise ausgetragen. 2016 hatten Unbekannte künstlerisch gestaltete Bänke geschändet, die auf dem Schumannplatz für einige Tage an die NSU-Opfer erinnern sollten.

Drei Jahre später ist nun der junge Gedenk-Baum aus dem Stadtbild entfernt worden. "Es ist eine erneute bewusste Verletzung der Hinterbliebenen der Opfer", sagte Franz Knoppe vom Projekt "Offener Prozess". Er engagiert sich innerhalb eines Zusammenschlusses von Initiativen, die sich mit der Aufarbeitung der NSU-Verbrechen beschäftigen. Diese Aufarbeitung mahnt er auch für Zwickau an. Die Stadtverwaltung will in den kommenden Tagen darüber beraten, ob die Eiche ersetzt wird. Ursprünglich wollte man zehn Bäume pflanzen - einen für jedes Opfer des NSU-Trios. Ob an diesem Plan trotz des jüngsten Vorfalls festgehalten wird, ist noch offen.

Auf Twitter riefen am Freitag derweil unter anderem das Zentrum für Politische Schönheit, eine Ärztin und Grünen-Politikerin aus Leipzig und ein Nutzer aus Rheinland-Pfalz dazu auf, einen Wald neuer Gedenk-Bäume in Zwickau zu pflanzen: Jetzt-erst-recht-Stimmen in einem digitalen Chor der Empörung über die Tat in Zwickau.

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3Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 8
    11
    Lesemuffel
    05.10.2019

    Mal abgesehen davon, dass keine Weltnachricht ist, stellt sich aber auch die Frage, warum man zum Gedenken an die NSU-Morde ausgerechnet eine Deutsche Eiche gepflanzt hat. Diese ist ein ganz anderes Symbol und könnte Leute auf den Plan gerufen haben, die diese Symbolik für ungeeignet gehalten haben. Es sollte in alle Richtungen ermittelt werden.

  • 9
    11
    Inke
    04.10.2019

    Ja, echt traurig. Die Außenwahrnehmung von Sachsen geht damit weiter den Bach runter. Das jämmerliche Ergebnis jahrelangen Wegschauens.

  • 36
    20
    christophdoerffel
    04.10.2019

    Derartige Vorfälle lassen sächsische Städte nicht in einem 'rechtem Licht erscheinen', sondern sie sind Zeugnis der Toleranz und der Aktzeptanz von rechten Strukturen und rechtem Gedankengut in erheblichen Teilen der Gesellschaft.



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