"Richter Gnadenlos bin ich nicht"

Amtsrichter und Buchautor Stephan Zantke über seine Fälle und Konsequenz im Strafverfahren

Zwickau.

Der Zwickauer Amtsrichter Stephan Zantke fragte im Dezember einen Asylbewerber: "Wenn Deutschland so scheiße ist, warum sind Sie dann hier?" Damit wurde er deutschlandweit bekannt. Jetzt hat er ein Buch über seine Arbeit geschrieben. Frank Dörfelt sprach mit ihm.

Freie Presse: Was ist der Grund für dieses Buch?

Stephan Zantke: Ich will die Sicht eines ganz normalen Amtsrichters erzählen, der täglich mit Verbrechen konfrontiert ist. Der Medienrummel vom Dezember hat mir gezeigt, dass unsere Arbeit oft etwas einseitig gesehen wird. Es erzählt den Menschen außerhalb der Justiz auch kaum jemand, wie wir hier unsere Arbeit machen. Und die Besucherplätze in den Gerichtssälen sind, vorsichtig ausgedrückt, nur sehr spärlich besetzt. Nur bei spektakulären Fällen interessiert sich die Öffentlichkeit für uns. Dabei sind die vermeintlich kleineren Verfahren häufig die mit dem interessanteren Hintergrund.

Sie beschreiben Fälle, die Sie verhandelt haben. Wie ist die Wahl ausgerechnet auf diese gefallen?

Ich möchte von den Verbrechen erzählen, die auf meinem Tisch landen. Da geht es natürlich in erster Linie um Menschen, die zu Tätern geworden sind. Aber ich möchte auch die Opfer nicht vergessen. So habe ich zehn verschiedene Fälle zusammengestellt, die aus meiner Sicht repräsentativ für meine Arbeit als Richter sind. Darunter ist auch der Fall, der im Dezember die Diskussion ausgelöst hat.

Sie haben damals viele Reaktionen erhalten. Wie sind Sie damit umgegangen?

Dass über Gerichtsurteile öffentlich und auch kontrovers diskutiert wird, ist normal, und das ist auch gut so. Damit muss ich als Richter leben. In diesem konkreten Fall gab es jedoch besonders viele Reaktionen. Die meisten von ihnen waren positiv, und viele haben mich bestärkt, bei meiner Meinung zu bleiben. Natürlich gab es auch Kritik, bis hin zu Beleidigungen. Aber das ist inzwischen schon eine Weile her.

In den Medien wurden Sie nach ihrem Spruch zum Richter Gnadenlos gemacht. Stört Sie das?

Der Richter Gnadenlos bin ich mit Sicherheit nicht. Aber ich habe einige Grundsätze in meinen Verhandlungen. Einer davon heißt Konsequenz. Wem eine Straftat vor Gericht zweifelsfrei nachgewiesen werden kann, der muss auch entsprechend bestraft werden. Außerdem sitze ich nicht allein am Richtertisch. Die Schöffen haben beim Urteil das gleiche Stimmrecht wie ich. Sie können mich also auch überstimmen.

Im Buch üben Sie auch Kritik an der Justiz. Warum?

Ich gewinne immer mehr den Eindruck, dass der Justiz im Freistaat, aber auch in Deutschland nicht die Rolle zukommt, die ihr eigentlich zusteht. Das zeigt sich vor allem bei der Finanzausstattung und damit beim Personal. Es ärgert mich sehr, wenn Prozesse nicht rechtzeitig stattfinden können, weil nicht genügend Richter da sind. Wenn dann mutmaßliche Straftäter wieder auf freien Fuß gesetzt werden müssen, weil Fristen abgelaufen sind, dann stehen oft wir von den Gerichten als Sündenböcke da.

Die gesprochenen Urteile sind aus Ihrer Sicht oft zu milde ...

Mit den Bewährungsstrafen, die ja eigentlich sinnvoll sind, wird häufig zu großzügig umgegangen. Wer immer wieder vor dem Richtertisch steht, der muss irgendwann auch ins Gefängnis. Wenn wir immer nur mit dem erhobenen Zeigefinger drohen, werden wir als Richter und als Justiz insgesamt irgendwann unglaubwürdig. Es ist das Recht des Angeklagten, Berufung einzulegen, aber an den Landgerichten werden die Strafen dann häufig abgemildert. Das kann ich nicht immer nachvollziehen - und die Öffentlichkeit scheinbar auch nicht.

"Wenn Deutschland so scheiße ist, warum sind Sie dann hier?" - eine Rezension

Die Frage, die Stephan Zantke im Dezember 2017 einige Tage bundesweite Aufmerksamkeit beschert hat, ziert den Titel seines Buchs zu Unrecht. "Wenn Deutschland so scheiße ist, warum sind Sie dann hier?", gerade noch mit dem Untertitel "Ein Strafrichter urteilt", erweckt den Eindruck, hier verwandle sich ein Robenträger zum Wutrichter. Dieser Eindruck ist falsch. Stephan Zantke hat ein Buch geschrieben, in dem er die Frage stellt: Was macht eigentlich Menschen zum Täter? Wie leben die Opfer mit ihrer Geschichte? Was ist Recht? Und was Gerechtigkeit?

Der Titel des Buchs ist ein Zantke-Zitat aus einer Verhandlung gegen einen libyschen Straftäter. Da dieser mehrfach über "Scheißdeutschland" geschimpft hatte, stellte Zantke die berühmte Frage. Er belegte den 30-Jährigen mit einer Strafe, die über die Forderung des Staatsanwalts hinausging. Zahlreiche Medien berichteten über den Zwickauer Richter. Der Libyer gilt inzwischen als abgetaucht und wird von der Staatsanwaltschaft mit Haftbefehl gesucht. In seinem Buch verteidigt sich Zantke gegen den Vorwurf, politisch rechts zu stehen. Er habe nur das Gesetz angewendet.

Kurzweilig und überwiegend einfühlsam schildert Zantke die zehn wahren Episoden aus der Region Zwickau und beschreibt ihre Protagonisten. Für manche Täter hat er Verständnis, über andere empfindet er Wut, wieder andere belasten ihn bis heute. Ob es um den jungen Mann geht, dem noch nichts Schlechtes im Leben widerfahren ist und der doch zum Vergewaltiger wird, ob um die junge Frau, die seit ihrem sechsten Lebensjahr von ihrem Vater missbraucht wurde, oder den Gewalttäter, dem der Stiefvater in der Kindheit jedes menschliche Gefühl aus dem Leib geprügelt hat - am Anfang oder am Ende jedes Falles steht das Zerbrechen einer Welt. An einer Stelle heißt es: "Schwerer Raub, Körperverletzung, gemeinschaftliche räuberische Erpressung (...) Das sind alles juristische Begriffe. Anklagepunkte. Aber hinter jedem dieser Termini verbirgt sich eine Geschichte. Eine Geschichte tragischer als die andere."

Stephan Zantke ist ein starkes Buch gelungen, das ein besseres Lektorat verdient gehabt hätte. Rechtschreibfehler, Dopplungen und falsche Zeitangaben (so sitzt ein 13-Jähriger "drei Jahre später" als 14-Jähriger vor Gericht) schmälern den ansonsten positiven Gesamteindruck. Am 28. November, 19.30 Uhr, liest Zantke im Haus der Sparkasse. Tickets gibt es auch bei der "Freien Presse". (ael)

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